Was Abigail über Essen, Wasser und ihre Vitamine endlich erzählte-hangle09

Der Arzt ließ die Befunde vor Abigail liegen und bat sie nicht noch einmal allgemein zu sagen, dass es ihr gut gehe, sondern Schritt für Schritt zu erklären, wer in den vergangenen Wochen entschieden hatte, was sie aß, wie viel sie trank und welche Vitamine sie nahm.

Abigail starrte auf ihre Hände.

Ich saß links von ihr, meine Mutter auf der anderen Seite, während mein Vater etwas weiter hinten am Fenster stand und zum ersten Mal seit unserer Ankunft überhaupt nichts sagte.

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Der Arzt wartete.

Er drängte sie nicht, und vielleicht war genau das der Grund, warum Abigail schließlich den Mund öffnete.

„Brenda hat irgendwann angefangen, alles zu übernehmen“, sagte sie.

Ihre Stimme war so leise, dass ich mich vorbeugen musste.

„Am Anfang nur das Essen.“

Dann kam das Wasser.

Dann die Vitamine.

Abigail erzählte, dass Brenda anfangs nur angeboten hatte zu kochen, weil Brandon lange arbeitete und Abigail in den ersten Monaten oft erschöpft gewesen war.

Es hatte hilfreich geklungen.

Brenda stellte morgens etwas hin, bereitete später eine warme Mahlzeit zu und sagte Abigail, sie müsse sich nur ausruhen und an das Kind denken.

Doch aus Hilfe wurden Regeln.

Wenn Abigail etwas anderes essen wollte, hieß es, sie sei zu wählerisch.

Wenn sie eine Mahlzeit nicht aufessen konnte, wurde ihr vorgehalten, dass eine Mutter nicht nur für sich selbst esse.

Als ihre Füße an einigen Tagen geschwollen waren, begann Brenda auch darüber zu bestimmen, wie viel sie trinken sollte.

„Sie sagte, zu viel Wasser würde alles noch schlimmer machen“, sagte Abigail.

Meine Mutter schloss kurz die Augen.

Ich spürte, wie sich mein Kiefer anspannte, aber ich sagte nichts, denn Abigail sprach endlich weiter.

Der Arzt fragte nur: „Haben Sie selbst entschieden, wann Sie trinken?“

Abigail schüttelte den Kopf.

Auf ihrem Nachttisch habe früher immer eine Flasche gestanden, erklärte sie, doch Brenda habe sie irgendwann weggenommen und ihr stattdessen zu bestimmten Zeiten ein Glas gebracht.

Wenn Abigail in die Küche ging, habe Brenda wissen wollen, warum.

Wenn sie nachts Wasser holte, habe sie am nächsten Morgen Kommentare gehört.

Es war nie eine einzelne große Drohung gewesen.

Es waren Dutzende kleine Situationen gewesen, in denen Abigail gelernt hatte, dass jede eigene Entscheidung einen Streit auslösen konnte.

Der Arzt sah wieder auf die Ergebnisse.

Was bei Abigail festgestellt worden war, passte nach seiner Erklärung nicht zu einer einzigen verdorbenen Mahlzeit, die sie an diesem Nachmittag beinahe gegessen hätte.

Sie war deutlich ausgetrocknet, ihr Körper zeigte Zeichen einer länger anhaltenden unzureichenden Versorgung, und mehrere Werte mussten weiter kontrolliert werden.

Das bedeutete nicht, dass jede Ursache schon feststand.

Aber es bedeutete sehr wohl, dass wir nicht wegen eines stinkenden Stücks Fisch überreagiert hatten.

Der Teller war nur der Moment gewesen, in dem etwas sichtbar geworden war, das schon länger lief.

Ich dachte sofort an die Schublade.

„Und deine Vitamine?“, fragte ich.

Abigail sah mich an.

An ihrem Gesicht erkannte ich, dass sie genau wusste, was ich meinte.

„Du hast es gesehen, oder?“

„Ich habe gesehen, dass etwas nicht stimmt.“

Sie atmete langsam aus.

Dann erklärte sie, dass die Packungen, die sie zu Beginn der Schwangerschaft selbst besorgt hatte, seit Wochen fast unberührt in der Schublade lagen.

Brenda hatte irgendwann behauptet, Abigail brauche nicht all diese Sachen und sie werde sich darum kümmern.

Von da an stellte sie ihr die Tabletten selbst hin.

Abigail wusste nicht sicher, was sie jedes Mal bekam.

Manchmal sahen die Tabletten anders aus als zuvor.

Einmal hatte sie gefragt, warum.

Brenda habe nur geantwortet: „Du musst nicht aus allem ein Problem machen.“

Das war der Punkt, an dem mein Vater sich vom Fenster wegdrehte.

„Hat Brandon das gewusst?“

Abigail zog die Schultern hoch.

„Nicht alles.“

Das klang zunächst wie eine Verteidigung.

Dann fügte sie hinzu: „Aber genug.“

Dieser Satz traf mich unerwartet hart.

Brandon wusste, dass seine Mutter das Essen plante.

Er wusste, dass sie Abigail immer wieder erklärte, sie solle weniger trinken.

Er wusste sogar, dass Brenda die Vitamine übernommen hatte.

Was er nicht wusste, war, wie weit die Kontrolle inzwischen gegangen war.

Zumindest hatte Abigail das geglaubt.

Wenn sie sich bei ihm beschwert hatte, sagte er meistens, seine Mutter meine es nur gut und habe schließlich Erfahrung.

Wenn Abigail sagte, sie wolle ein paar Tage zu unseren Eltern, bat er sie, keinen Streit anzufangen, solange auf der Arbeit so viel los sei.

„Ich dachte irgendwann, vielleicht bin wirklich ich das Problem“, sagte sie.

Meine Mutter griff nach ihrer Hand.

Abigail ließ es zu.

„Deshalb hast du unsere Treffen abgesagt?“ fragte ich.

Sie nickte.

„Brenda sagte immer, wenn ihr kommt, regt ihr mich nur auf.“

„Und die Nachrichten?“

„Manche habe ich geschrieben, weil sie danebenstand.“

Das war schlimmer als jede Antwort, die ich erwartet hatte.

Plötzlich ergaben die kurzen Sätze Sinn.

Mir geht es gut.

Bin nur müde.

Heute lieber nicht.

Vielleicht nächste Woche.

Ich hatte jedes Mal geglaubt, ich würde mit meiner Schwester schreiben.

In Wirklichkeit hatte Abigail bei manchen dieser Nachrichten vor allem versucht, den nächsten Konflikt im Haus zu verhindern.

Der Arzt unterbrach uns schließlich, weil die medizinische Versorgung Vorrang hatte.

Abigail bekam Flüssigkeit, man beobachtete sie und das Baby weiter und erklärte ihr, dass die nächsten Stunden zeigen würden, wie gut sich ihr Zustand stabilisierte.

Niemand versprach uns etwas, was zu diesem Zeitpunkt noch niemand wissen konnte.

Genau das machte mir die Situation erst recht klar.

Es war ernst.

Nicht dramatisch ausgesprochen.

Nicht mit irgendeinem großen Satz.

Einfach ernst genug, dass Abigail dortbleiben musste.

Etwa eine Stunde später kam Brandon.

Mein Vater hatte ihn angerufen.

Er trat in das Zimmer, noch in seiner Arbeitskleidung, und blieb direkt hinter der Tür stehen, als er Abigail im Bett sah.

„Was ist passiert?“

Abigail antwortete nicht sofort.

Brandon sah zu mir.

„Nora?“

„Frag Abigail.“

Er ging zum Bett.

„Abby?“

Sie hob den Kopf.

„Ich gehe nicht zurück in das Haus deiner Mutter.“

Brandon blinzelte.

Nicht, weil er sie nicht verstanden hatte.

Sondern weil er offenbar mit allem gerechnet hatte, nur nicht damit.

„Natürlich nicht heute“, sagte er. „Du bleibst erst mal hier, und wenn du rauskommst, können wir—“

„Nein.“

Das Wort war klein.

Es stoppte ihn trotzdem.

Abigail richtete sich etwas auf.

„Ich meine nicht heute.“

Brandon sah zu unseren Eltern und dann wieder zu ihr.

„Was hat meine Mutter gemacht?“

Ich wollte antworten.

Abigail war schneller.

„Sie hat bestimmt, was ich esse.“

Brandon nickte langsam.

„Das wusste ich.“

„Sie hat bestimmt, wie viel Wasser ich trinken darf.“

Sein Gesicht wurde angespannter.

„Du hast gesagt, ihr hättet darüber gesprochen.“

„Nein, Brandon.“

Abigail sah ihn jetzt direkt an.

„Sie hat gesprochen.“

Dann erzählte sie ihm von den Nächten, in denen sie Durst gehabt hatte und trotzdem nicht in die Küche gehen wollte.

Sie erzählte ihm von den Mahlzeiten, die sie herunterwürgte, weil Brenda sonst vor der Schlafzimmertür weiterdiskutierte.

Sie erzählte ihm von den Vitaminpackungen in der Schublade.

Er hörte zunächst still zu.

Dann sagte er den Satz, vor dem ich mich fast mehr gefürchtet hatte als vor jeder offenen Verteidigung seiner Mutter.

„Sie würde dir doch absichtlich nichts antun.“

Abigail drehte den Kopf weg.

Brandon merkte sofort, was er gerade getan hatte.

Er hatte nicht gefragt, was geschehen war.

Er hatte nach einem Motiv gegriffen, um das Geschehene kleiner zu machen.

„Es geht nicht darum, was sie behauptet zu wollen“, sagte Abigail.

Ihre Stimme zitterte jetzt, aber sie brach nicht ab.

„Es geht darum, was passiert ist.“

Der Arzt kam kurz darauf noch einmal herein und erklärte Brandon dieselben Dinge, die wir bereits gehört hatten, ohne jemanden einer Absicht zu beschuldigen.

Eine einzelne schlechte Mahlzeit erklärte Abigails Zustand nicht.

Die Angaben über eingeschränktes Trinken und unzureichende Ernährung waren medizinisch relevant.

Auch die Frage, welche Präparate Abigail tatsächlich eingenommen hatte, musste geklärt werden.

Brandon setzte sich.

Zum ersten Mal sah er nicht zu mir, als würde er auf eine übertriebene Geschichte seiner Schwägerin warten.

Er sah Abigail an.

„Was war in der Schublade?“

Sie nannte ihm die Packungen und den Behälter, aus dem Brenda ihr zuletzt die Tabletten gegeben hatte.

„Bring alles her“, sagte sie.

Brandon sah überrascht auf.

„Jetzt?“

„Ja.“

„Meine Mutter wird—“

Abigail unterbrach ihn.

„Ich habe nicht gefragt, was deine Mutter dazu sagt.“

Damit veränderte sich etwas.

Nicht laut.

Aber endgültig.

Brandon stand auf.

„Okay.“

Er fuhr zurück zum Haus.

Ich blieb bei Abigail.

Fast eine Stunde lang fragte niemand, was zwischen ihm und Brenda dort passieren würde.

Ich glaube, wir alle wussten, dass es diesmal nicht unsere Aufgabe war, diesen Teil für ihn zu lösen.

Er kam allein zurück.

In der Hand trug er eine Tasche.

Darin lagen die Vitaminpackungen aus der Schublade, der Tablettenbehälter und einige weitere Dinge, die Abigail eindeutig als ihre eigenen erkannte.

Brandon stellte die Tasche auf den Stuhl und sagte: „Ich habe nichts geöffnet.“

Das war wichtig.

Nicht weil damit bereits bewiesen gewesen wäre, was jede einzelne Tablette enthielt.

Das war es nicht.

Aber nun konnte Abigail zeigen, welche Packungen sie ursprünglich verwendet hatte und aus welchem Behälter Brenda ihr später täglich etwas gegeben hatte.

Eine der ursprünglichen Packungen war tatsächlich noch fast voll.

Abigail strich mit dem Finger über den Rand.

„Die hätte längst leer sein müssen.“

Brandon sagte nichts.

Der Arzt machte ebenfalls keine vorschnelle Behauptung darüber, was die anderen Tabletten waren.

Er sagte nur, Abigail solle nichts davon weiter einnehmen, solange nicht eindeutig geklärt sei, worum es sich handelte und was für sie während der Schwangerschaft geeignet war.

Damit war die entscheidende Frage plötzlich nicht mehr, ob Brenda es gut gemeint hatte.

Es ging darum, dass Abigail über Wochen nicht selbst kontrolliert hatte, was sie zu sich nahm.

Und Brandon konnte diesen Unterschied nicht länger ignorieren.

„Was hat sie gesagt, als du die Sachen geholt hast?“ fragte Abigail schließlich.

Brandon setzte sich wieder.

„Dass Nora dich gegen sie aufhetzt.“

Ich lachte nicht.

Niemand tat es.

„Und dann?“ fragte Abigail.

„Dass du ihr irgendwann dankbar sein wirst.“

Abigail blickte auf die Tasche.

„Und was hast du gesagt?“

Brandon rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht.

„Dass ich dich hätte ernst nehmen müssen.“

Das war keine vollständige Antwort.

Abigail bemerkte es ebenfalls.

„Was hast du zu ihr gesagt?“

Brandon ließ die Hände sinken.

„Dass sie keinen Zugriff mehr auf deine Sachen hat.“

Abigail sah ihn lange an.

„Und auf mich?“

Jetzt musste er entscheiden.

Nicht zwischen seiner Frau und seiner Mutter wie in irgendeinem Familienwettbewerb.

Sondern zwischen zwei vollkommen verschiedenen Vorstellungen davon, ob Abigail selbst über ihren Körper und ihren Alltag bestimmen durfte.

„Auch nicht auf dich“, sagte er.

Abigail nickte einmal.

Sie sagte nicht Danke.

Das hätte auch nicht gepasst.

In dieser Nacht blieb sie im Krankenhaus.

Meine Eltern fuhren später nach Hause, ich blieb noch eine Weile, und Brandon saß auf dem Stuhl neben dem Bett, ohne zu versuchen, die Dinge schneller zu reparieren, als sie repariert werden konnten.

Am nächsten Morgen ging es Abigail etwas besser.

Die Flüssigkeit hatte geholfen, sie konnte wieder kleine Portionen essen, und die Kontrollen entwickelten sich in eine Richtung, die den Ärzten erlaubte, vorsichtig optimistischer zu werden.

Das Baby wurde weiter überwacht.

Erst als Abigail selbst fragte, erklärte man ihr ausführlich, was sie in den kommenden Tagen beachten sollte und welche Präparate sie tatsächlich nehmen sollte.

Niemand gab diese Anweisungen an Brenda weiter.

Niemand gab sie zuerst an Brandon weiter.

Sie wurden Abigail erklärt.

Ich glaube, genau dieser unscheinbare Unterschied bedeutete ihr fast so viel wie die besseren Werte.

Später an diesem Tag klingelte ihr Handy.

Brenda.

Abigail sah den Namen auf dem Display.

Früher hätte sie wahrscheinlich sofort abgenommen, um den nächsten Vorwurf nicht noch schlimmer zu machen.

Diesmal legte sie das Telefon einfach mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch.

Brandon beobachtete sie.

„Soll ich mit ihr reden?“

„Nein.“

Er nickte.

Das Handy klingelte noch einmal.

Abigail ließ es liegen.

Am Nachmittag schrieb Brenda mehrere Nachrichten.

Abigail las nur die erste.

Dann sagte sie: „Ich möchte nicht, dass sie hierherkommt.“

Brandon antwortete: „Okay.“

Kein Aber.

Das war neu.

Als Abigail einige Tage später das Krankenhaus verlassen durfte, fuhr sie nicht in Brendas Haus zurück.

Sie ging zunächst mit unseren Eltern.

Brandon kam mit, aber Abigail machte von Anfang an klar, dass das keine automatische Rückkehr zu ihrem früheren Alltag bedeutete.

Er musste entscheiden, was er mit dem Haus, seinen Sachen und seiner Mutter regelte.

Abigail musste erst einmal wieder lernen, dass sie ein Glas Wasser nehmen konnte, ohne jemandem erklären zu müssen, warum.

Die ersten Tage zeigten mir, wie tief diese Kontrolle bereits in ihr steckte.

Meine Mutter stellte morgens eine Flasche Sprudel und stilles Wasser auf den Tisch und sagte nichts dazu.

Abigail fragte trotzdem: „Ist es okay, wenn ich die nehme?“

Beim ersten Mal sah meine Mutter sie nur an.

„Sie ist für dich.“

Abigail nickte und füllte ihr Glas nur halb.

Eine Stunde später füllte sie es selbst noch einmal.

Niemand kommentierte es.

Beim Essen war es ähnlich.

Sie nahm kleine Portionen und wartete fast unmerklich darauf, dass jemand etwas über die Menge sagte.

Wenn sie etwas nicht mochte, schob sie es zunächst nur auf dem Teller hin und her.

Meine Mutter fragte nicht, ob sie aufessen wolle.

Mein Vater fragte nicht, ob es gut für das Baby sei.

Sie durfte einfach essen.

Oder aufhören.

Zwei Wochen später erzählte Abigail mir, dass dieser Teil schwieriger gewesen sei, als sie erwartet hatte.

„Ich wusste irgendwann gar nicht mehr, wann ich Hunger habe“, sagte sie.

„Ich habe nur noch überlegt, ob Brenda zufrieden sein wird.“

Brandon hörte solche Sätze inzwischen ebenfalls.

Manchmal sah ich, wie sehr er darauf reagieren wollte.

Er wollte erklären, dass er es nicht gewusst habe.

Er wollte unterscheiden zwischen den Dingen, die er gesehen hatte, und denen, die Brenda vor ihm verborgen hatte.

Doch immer öfter tat er etwas Besseres.

Er hörte zu.

Denn ganz unschuldig war er nicht gewesen.

Abigail hatte ihm gesagt, dass sie sich unwohl fühlte.

Sie hatte gesagt, dass seine Mutter zu viel bestimmte.

Sie hatte ihn gebeten, einzugreifen.

Er hatte jedes einzelne Signal so lange in eine harmlose Erklärung verwandelt, bis Nora vor einem Teller stehen musste, der nach Ammoniak roch.

Das musste er akzeptieren.

Brenda versuchte unterdessen, die Geschichte anders zu erzählen.

Sie behauptete gegenüber Brandon, sie habe lediglich geholfen.

Sie behauptete, Abigail sei empfindlich gewesen.

Sie behauptete, das mit dem Wasser sei missverstanden worden.

Beim Essen habe sie nur darauf geachtet, dass nichts verschwendet werde.

Bei den Vitaminen habe sie lediglich Ordnung schaffen wollen.

Jede einzelne Erklärung klang für sich kleiner als das Gesamtbild.

Genau darin lag das Problem.

Denn das Gesamtbild bestand aus all diesen kleinen Entscheidungen zusammen.

Brandon musste irgendwann aufhören, jeden Vorfall einzeln zu verteidigen.

Er tat es an einem Abend, als Abigail ihn fragte, ob er ernsthaft glaube, sie habe wochenlang Angst vor der Küche gehabt, weil sie ein Missverständnis mit Brenda gehabt habe.

„Nein“, sagte er.

Nur dieses eine Wort.

Danach hörte er auf, Brendas Absicht zum Mittelpunkt jedes Gesprächs zu machen.

Stattdessen begann er, die Folgen zu betrachten.

Er holte den Rest ihrer Kleidung.

Er brachte Abigails persönliche Unterlagen.

Er gab ihr alle Schlüssel, die ihre Sachen betrafen.

Und er erklärte seiner Mutter, dass Besuche nur stattfinden würden, wenn Abigail sie ausdrücklich wollte.

Brenda akzeptierte das nicht sofort.

Aber sie konnte die Grenze nicht mehr dadurch umgehen, dass Brandon sie für sie weich machte.

Das war seine eigentliche Veränderung.

Nicht irgendeine große Rede.

Er hörte auf, die Tür offen zu halten, nachdem Abigail sie geschlossen hatte.

Die medizinischen Kontrollen blieben zunächst engmaschiger, doch Abigails Zustand stabilisierte sich weiter.

Sie nahm wieder regelmäßig die Präparate, die mit ihr besprochen worden waren, trank nach Bedarf und aß das, was sie vertrug.

Mit jeder Woche wirkte ihr Gesicht weniger eingefallen.

Die dunklen Schatten unter ihren Augen wurden schwächer.

Sie lachte wieder häufiger, ohne vorher zur Tür zu sehen.

Dieser Blick war für mich lange das Schwerste.

Ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich an den Moment im Schlafzimmer dachte, als sie meine Hand gedrückt und nur für eine Sekunde zur Tür gesehen hatte.

Ich fragte mich, warum ich nicht früher hingefahren war.

Warum ich ihre abgesagten Treffen akzeptiert hatte.

Warum ich bei den kurzen Nachrichten nicht stärker nachgehakt hatte.

Als ich Abigail das schließlich sagte, wurde sie nicht sentimental.

„Ich habe dafür gesorgt, dass du nichts merkst“, sagte sie.

„Weil ich dachte, wenn ihr euch einmischt, wird es zu Hause schlimmer.“

Dann schob sie mir die Schüssel mit Kartoffeln hin.

„Also hör auf, ausgerechnet jetzt wieder für mich zu entscheiden, was ich hätte tun müssen.“

Ich musste lachen.

Sie auch.

Es war das erste Mal seit Wochen, dass wir über etwas lachten, das mit der Sache zu tun hatte, ohne dass es sich falsch anfühlte.

In den folgenden Monaten blieb der Kontakt zu Brenda stark eingeschränkt.

Abigail entschied selbst, wann sie eine Nachricht las und ob sie antwortete.

Brandon informierte seine Mutter nicht über jeden Termin.

Er gab keine Gesundheitsinformationen weiter, die Abigail für sich behalten wollte.

Vor allem bat er Abigail nicht mehr darum, eine Grenze zurückzunehmen, nur damit das nächste Familiengespräch für ihn angenehmer wurde.

Das Vertrauen zwischen den beiden war damit nicht plötzlich repariert.

Abigail sagte ihm offen, dass sie noch nicht wusste, wie lange sie brauchen würde.

Brandon akzeptierte auch das.

Als das Kind schließlich zur Welt kam, waren unsere Eltern da, und Brandon war bei Abigail.

Brenda war nicht dabei.

Das war keine Strafe, die irgendjemand öffentlich verkündete.

Es war eine Entscheidung, die Abigail getroffen hatte, weil sie während dieses Tages Menschen um sich haben wollte, bei denen sie nicht überlegen musste, ob ein Nein später gegen sie verwendet würde.

Erst einige Zeit danach erlaubte sie Brenda ein kurzes Treffen.

Brandon blieb dabei.

Ich nicht.

Abigail wollte nicht, dass ich die Situation für sie kontrollierte, und nach allem, was passiert war, verstand ich, warum ihr gerade das wichtig war.

Brenda entschuldigte sich nicht auf die Weise, die Abigail sich vielleicht einmal gewünscht hätte.

Sie sprach von Sorge, von Erfahrung und davon, dass sie nur helfen wollte.

Abigail hörte zu.

Dann sagte sie: „Du darfst glauben, dass du helfen wolltest. Aber du darfst nie wieder für mich entscheiden, was ich esse, trinke, einnehme oder wem ich erzähle, wie es mir geht.“

Brenda wollte antworten.

Abigail hob die Hand.

„Das ist keine Diskussion.“

Das Treffen endete früher als geplant.

Doch diesmal ging Abigail nicht mit dem Gefühl nach Hause, eine Szene gemacht zu haben.

Sie ging, weil sie es selbst entschieden hatte.

Ein paar Tage später saßen wir bei unseren Eltern am Tisch.

Es gab nichts Besonderes zu feiern.

Kein Krankenhaus.

Keine Untersuchungsergebnisse.

Keine Tasche mit Tabletten.

Keinen Streit über Brenda.

Nur Abendessen.

Abigail saß mir gegenüber, das Baby in der Nähe, und mein Vater stellte eine große Schüssel in die Mitte.

Meine Mutter reichte das Brot weiter.

Niemand füllte Abigails Teller für sie.

Niemand erklärte ihr, was sie brauchte.

Niemand beobachtete, wie viel Wasser sie einschenkte.

Abigail nahm sich erst Gemüse, dann Kartoffeln und schließlich ein zweites Stück Brot.

Ich dachte unwillkürlich an diesen anderen Teller zurück, an den verklumpten Reis, das Fett, das Salz und den Fischgeruch, der mich an jenem Nachmittag hatte stehen bleiben lassen.

Damals hatte Brenda mit einem Lächeln behauptet, genau zu wissen, was Abigail und ihr Kind brauchten.

Jetzt stand vor meiner Schwester wieder ein Teller.

Nur gehörte die Entscheidung diesmal ihr.

Abigail griff nach der Schüssel, nahm sich noch etwas und schob sie anschließend zu mir weiter.

„Willst du auch?“

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