Als Lena Ortiz das Krankenzimmer verließ, nahm sie nicht nur die drei Fotos mit, sondern auch meine Bitte: Arthur sollte glauben, dass das Feuer meine Erinnerung ausgelöscht hatte und dass seine Geschichte für mich die einzige war, an der ich mich festhalten konnte.
Es war eine gefährliche Lüge, aber sie gab mir etwas, das ich seit dem Aufwachen nicht mehr besessen hatte: eine Entscheidung, die nicht mein Vater für mich traf.
Arthur kam noch am selben Abend zurück.

Diesmal trug er ein frisches Hemd, dunkelblau, sorgfältig gebügelt, und als er sich an mein Bett setzte, glitt mein Blick automatisch zu seinen Handgelenken.
Wieder waren die Manschetten makellos.
„Wie fühlst du dich?“, fragte er.
„Müde.“
Er nickte langsam, als wäre das die Antwort, auf die er gehofft hatte, und strich mit dem Daumen über meinen Handrücken.
„Ortiz hat mit dir gesprochen?“
Ich ließ einige Sekunden verstreichen.
„Wer?“
Sein Griff lockerte sich.
Nur ein wenig.
Aber ich bemerkte es.
Arthur beugte sich näher zu mir und fragte, ob ich mich an die Nacht des Brandes erinnern könne, und ich schüttelte den Kopf so vorsichtig, dass selbst die Bewegung an meinen Rippen schmerzte.
„Ein paar Bilder“, sagte ich. „Mehr nicht.“
„Welche Bilder?“
Die Frage kam zu schnell.
Ich schloss die Augen, als müsse ich mich anstrengen.
„Licht. Rauch. Mama hat gerufen. Danach nichts.“
Arthur atmete durch die Nase aus und legte seine zweite Hand über meine.
„Dann zwing dich nicht dazu.“
Dann begann er, mir meine eigene Nacht zu erzählen.
Meine Mutter sei in der Küche gewesen, erklärte er, vermutlich habe es zuerst ein Problem mit dem Gas gegeben, und als er Rauch bemerkt habe, sei alles bereits außer Kontrolle gewesen.
Er habe versucht zurückzulaufen.
Er habe nach uns gerufen.
Er habe die Hitze nicht überwinden können.
Je länger Arthur sprach, desto deutlicher wurde mir, dass er nicht versuchte, mich zu trösten.
Er versuchte, meine Erinnerung zu ersetzen.
„Und die Hintertür?“, fragte ich irgendwann.
Zum ersten Mal schwieg er länger.
„Was ist damit?“
„Ich weiß nicht.“
Ich verzog das Gesicht und presste eine Hand gegen meine bandagierte Seite.
„Ich sehe sie manchmal vor mir.“
Arthur stand auf, nahm das Glas Wasser vom kleinen Tisch und hielt es mir hin.
„Das sind wahrscheinlich Bruchstücke aus einem Traum.“
Ich trank einen Schluck und beobachtete ihn über den Rand des Glases.
„War sie offen?“
„Darüber musst du jetzt nicht nachdenken.“
Keine Antwort.
Genau das war die Antwort.
Arthur blieb noch zwanzig Minuten, erzählte mir, dass er sich um die Beerdigung meiner Mutter kümmern werde und dass ich mich um nichts kümmern müsse, und jedes Mal, wenn er das Wort kümmern benutzte, klang es weniger wie Fürsorge und mehr wie Besitz.
Als er ging, küsste er mich auf die Stirn.
„Wir haben nur noch uns beide.“
Ich wartete, bis die Tür hinter ihm geschlossen war.
Dann griff ich nach dem Rufknopf und bat darum, Ortiz auszurichten, dass unser Plan funktionierte.
Am nächsten Vormittag kam sie allein.
Sie brachte keine neue Bildermappe und keine dramatische Enthüllung mit, sondern setzte sich auf denselben Stuhl, auf dem Arthur am Abend zuvor gesessen hatte.
„Er hat nach Ihrer Erinnerung gefragt?“, sagte sie.
„Mehrmals.“
Ich erzählte ihr Wort für Wort, was Arthur über die Küche, das Gas und seinen angeblichen Rettungsversuch gesagt hatte.
Ortiz schrieb nur wenig auf.
„Hat er die Hintertür erwähnt?“
„Er hat vermieden, meine Frage zu beantworten.“
Sie nickte.
„Gut.“
Ich sah sie an.
„Gut?“
„Gut für die Wahrheit“, sagte sie. „Nicht gut für Sie.“
Das war der erste Satz seit meinem Aufwachen, der nicht versuchte, meinen Schmerz kleiner zu machen.
Ortiz erklärte mir, dass die Aufnahmen von Arthurs Wagen die Zeitlinie bereits schwer beschädigten, der Kanister und die Spuren am Gasventil aber noch nicht beantworteten, wer sie verursacht hatte.
Sie brauchte keine große Theorie von mir.
Sie brauchte Arthur dazu, sich weiter sicher zu fühlen.
Ich verstand sofort, warum.
Menschen, die Zahlen manipulieren, machen selten den Fehler, eine Summe falsch zu addieren.
Sie machen den Fehler, zu glauben, dass niemand ihre Annahmen überprüft.
Arthur hatte angenommen, ich würde trauern.
Arthur hatte angenommen, ich würde verletzt sein.
Arthur hatte angenommen, ich würde ihm glauben.
Bei den ersten beiden Punkten hatte er recht.
Beim dritten nicht mehr.
Zwei Tage später durfte ich zum ersten Mal länger aufrecht sitzen, und Arthur erschien kurz nach dem Mittag mit einem schmalen Umschlag unter dem Arm.
Er legte ihn nicht sofort auf den Tisch.
Er fragte zuerst nach meinen Schmerzen, nach dem Schlaf und danach, ob „diese Ermittlerin“ mich wieder mit Fragen belastet habe.
„Ich kann mich sowieso an nichts erinnern“, sagte ich.
Arthur lächelte traurig.
„Vielleicht ist das im Moment sogar besser.“
Dann legte er den Umschlag auf meine Decke.
„Es gibt leider Dinge, die trotz allem erledigt werden müssen.“
Darin lagen Versicherungsunterlagen.
Keine sensationelle Geheimakte, keine Nachricht meiner Mutter, kein unbekannter Name.
Nur Zahlen, Konten, Beträge und eine vorgesehene Auszahlung.
Genau die Art Papier, von der Arthur immer behauptet hatte, sie sei langweilig.
Ich las die erste Seite langsam, absichtlich langsamer, als ich normalerweise gebraucht hätte.
Arthur erklärte mir währenddessen, dass die Versicherungssumme insgesamt acht Millionen Dollar betrage und dass nach einem solchen Verlust vieles möglichst schnell geregelt werden müsse.
Acht Millionen.
Dieselbe Zahl, die Ortiz bereits genannt hatte.
Ich ließ mir nichts anmerken.
„Warum muss ich unterschreiben?“
„Nur eine Formalität.“
„Welche?“
Arthur zögerte.
Dann zeigte er auf eine Stelle, an der bestätigt werden sollte, dass bestimmte Ansprüche gemeinsam bearbeitet werden konnten.
Ich las weiter.
Die Sprache war trocken, aber das Muster dahinter war nicht trocken.
Eine Auszahlung sollte auf ein Konto gelenkt werden, über das Arthur allein verfügen konnte.
„Ist das unser gemeinsames Konto?“, fragte ich.
„Vorübergehend.“
Das Wort stand nirgends.
Ich sah wieder auf die Seite.
„Mama steht hier nicht mehr.“
Arthur legte den Kopf schief.
„Deine Mutter ist tot.“
Der Satz traf mich härter als erwartet.
Nicht weil ich die Tatsache vergessen hatte, sondern weil er sie benutzte wie eine Buchungszeile, die man streichen konnte.
Ich zwang mich, die Luft langsam einzuatmen.
„Ich verstehe solche Sachen gerade nicht.“
„Du musst sie auch nicht verstehen.“
Da war er wieder.
Der Mann, der meine Arbeit jahrelang als Spiel mit Tabellen verspottet hatte, saß neben mir und hoffte plötzlich darauf, dass ich Zahlen wirklich nicht verstand.
Ich setzte den Stift an, ließ ihn aber über dem Papier schweben.
„Acht Millionen sind viel Geld.“
Arthur sah nicht auf mich.
Er sah auf die Unterschriftszeile.
„Es geht nicht ums Geld.“
„Natürlich nicht.“
„Es geht darum, dass wir nach vorn schauen können.“
Ich legte den Stift hin.
„Später.“
Seine Gesichtsmuskeln spannten sich für einen Moment an.
Dann kam das väterliche Lächeln zurück.
„Natürlich.“
Er nahm die Unterlagen wieder an sich, doch eine Seite blieb für einen Augenblick auf der Decke liegen, und ich sah dort etwas, das er vermutlich für bedeutungslos hielt: das Datum einer Änderung.
Dreizehn Tage vor dem Brand.
Ich prägte es mir ein.
Nachdem Arthur gegangen war, bat ich Ortiz, noch am selben Nachmittag zu kommen.
„Dreizehn Tage“, sagte ich, sobald sie die Tür geschlossen hatte.
Sie brauchte keine Erklärung.
Ich beschrieb ihr die Unterlagen, das Konto und Arthurs Versuch, meine Unterschrift zu bekommen.
„Können Sie das überprüfen?“
„Ja.“
„Dann überprüfen Sie nur das.“
Ortiz hob kurz die Augenbrauen.
„Nur das?“
„Wenn wir alles gleichzeitig auf ihn werfen, hört er auf zu reden.“
Sie steckte ihren Notizblock ein.
„Sie denken wie bei einer Prüfung.“
„Er hat mir beigebracht, wie wenig er davon hält.“
Am nächsten Tag kam Arthur nicht.
Am Tag darauf auch nicht.
Ich begann zu glauben, er habe gespürt, dass etwas nicht stimmte, bis am dritten Morgen die Tür aufging und er mit einem Becher Kaffee und demselben Umschlag erschien.
Diesmal wirkte er gereizter.
„Die Versicherung wartet.“
„Dann soll sie warten.“
Er sah mich lange an.
Ich lächelte schwach.
„Entschuldige. Ich bin einfach müde.“
Seine Schultern entspannten sich wieder.
„Natürlich.“
Ich ließ ihn die Papiere ausbreiten.
Dann begann ich mit der einzigen Art von Falle, die ich kontrollieren konnte.
Ich gab ihm eine falsche Erinnerung.
„Ich glaube, ich weiß wieder etwas.“
Arthur erstarrte nicht.
Er war zu vorsichtig dafür.
Aber seine rechte Hand blieb auf der Seite mit der Unterschrift liegen.
„Was?“
„Mama war an der Hintertür.“
Seine Augen gingen sofort zu meinem Gesicht.
„Bist du sicher?“
„Nein.“
Ich schloss die Augen.
„Vielleicht wollte sie raus.“
Arthur antwortete nicht.
Ich setzte nach.
„Vielleicht war die Tür offen und der Rauch hat sie zugeschlagen.“
„Nein.“
Das Wort kam so schnell, dass ich die Augen wieder öffnete.
Arthur bemerkte seinen Fehler.
„Ich meine nur, bei so einem Feuer kann man Erinnerungen nicht trauen.“
„Aber du weißt doch auch nicht, was mit der Tür war.“
„Ich kenne unser Haus.“
„Du warst doch draußen.“
Sein Blick wurde hart.
Nur für einen Atemzug.
Dann griff er nach dem Umschlag.
„Wir sollten das lassen.“
Ich legte meine Hand auf die Papiere.
„Warum?“
„Weil deine Mutter tot ist und du hier liegst und versuchst, aus irgendwelchen Bildern eine Geschichte zu bauen.“
„So wie du?“
Jetzt sah er mich wirklich an.
Ich wusste, dass ich zu weit gegangen war.
Also ließ ich meine Unterlippe zittern und senkte den Blick.
„Entschuldige.“
Arthur stand auf.
Ein paar Sekunden lang sagte keiner von uns etwas.
Dann setzte er sich wieder.
„Hör mir zu“, sagte er leiser. „Du hast ein Trauma. Dein Kopf versucht, Lücken zu füllen. Ich will nicht, dass diese Frau dich dazu bringt, Dinge zu glauben, die nicht passiert sind.“
„Ortiz?“
„Ja.“
„Sie sagt kaum etwas.“
„Genau so machen Leute wie sie das.“
Arthur schob mir den Stift hin.
„Unterschreib, damit wenigstens ein Teil unseres Lebens geregelt ist.“
Ich sah auf das Datum.
Dreizehn Tage.
„Hast du die Versicherung kurz vor dem Feuer geändert?“
Sein Gesicht blieb ruhig.
„Deine Mutter und ich haben unsere Finanzen ständig angepasst.“
Das war gelogen.
Meine Mutter hatte jede größere Änderung mit mir besprochen, nicht weil sie meine Erlaubnis brauchte, sondern weil Arthur sich seit Jahren weigerte, auch nur eine Viertelstunde über Verträge und Konten zu sprechen.
Ich sagte trotzdem nichts.
Arthur fuhr fort.
„Sie wollte, dass ich mich darum kümmere.“
„Wann?“
„Ein paar Wochen vorher.“
„Warum?“
„Weil sie vernünftig war.“
Ich nickte.
Dann unterschrieb ich nicht.
Am Abend kam Ortiz zurück.
Sie hatte die eine Frage überprüft, die ich ihr gegeben hatte.
Die Änderung war tatsächlich dreizehn Tage vor dem Brand eingereicht worden.
Arthur hatte die Unterlagen veranlasst.
Der vorgesehene Zahlungsweg führte zu seinem allein kontrollierten Konto.
Damit war noch nicht bewiesen, dass er das Feuer gelegt hatte.
Aber die acht Millionen waren nicht länger nur eine Zahl im Hintergrund.
Sie hatten einen Zeitpunkt bekommen.
Und einen Begünstigten.
„Er wird wiederkommen“, sagte ich.
Ortiz nickte.
„Dann lassen Sie ihn reden.“
„Bleiben Sie in der Nähe.“
Sie versprach nichts Dramatisches.
Sie sagte nur: „Das werde ich.“
Arthur erschien am nächsten Nachmittag früher als erwartet.
Er hatte keine Blumen dabei, keine Kleidung für meine Entlassung und keinen Kaffee.
Nur den Umschlag.
„Heute müssen wir das erledigen.“
Ich sah ihn an.
„Warum heute?“
„Weil ich nicht noch mehr Probleme brauche.“
Zum ersten Mal sprach er nicht wie der trauernde Vater.
Er sprach wie ein Mann unter Zeitdruck.
Ich nahm den Stift.
Arthur setzte sich direkt neben mich.
„Danach kannst du dich auf deine Genesung konzentrieren.“
„Und du auf das Geld?“
Sein Kiefer spannte sich.
„Fang nicht wieder damit an.“
Ich legte den Stift quer über die Seite.
„Ich erinnere mich an die Hintertür.“
Arthur stand auf.
„Nein.“
„Doch.“
„Du hast selbst gesagt, dass du nicht weißt, was echt ist.“
„Ich erinnere mich daran, dass Mama daran gezogen hat.“
Er sagte nichts.
„Sie hat geschrien.“
Seine Hand schloss sich um den Umschlag.
„Hör auf.“
„Sie kam nicht raus.“
„Hör auf.“
„Warum war die Tür abgeschlossen?“
Arthur trat näher an mein Bett.
Seine Stimme war nur noch ein Flüstern.
„Weil sie nicht an den Schlüssel kommen konnte.“
Alles in mir wurde still.
Nicht die Welt.
Nur ich.
Ich sah meinen Vater an.
„Wo war der Schlüssel?“
Arthur bemerkte es jetzt.
Er bemerkte die Frage, seine Antwort und die Lücke zwischen beidem.
„Ich weiß es nicht.“
„Doch.“
„Du bist verwirrt.“
„Wo war er, Dad?“
Er wich einen Schritt zurück.
„Das spielt keine Rolle.“
„Für Mama schon.“
Arthur griff nach den Versicherungsunterlagen.
Ich hielt meine Hand darauf.
„Lass los.“
„Elf Minuten.“
Sein Blick schoss zu mir.
Zum ersten Mal an diesem Tag war er wirklich überrascht.
„Was?“
„Dein Wagen.“
Arthur sagte nichts.
„Elf Minuten vor dem ersten Notruf.“
Jetzt verstand er.
Nicht nur, dass ich mich erinnerte.
Dass ich wusste.
Er zog an den Papieren.
Ich ließ sie nicht los.
„Du hast gesagt, du wärst ins Haus gerannt.“
„Gib mir den Umschlag.“
„Du hattest keinen Ruß an den Manschetten.“
„Genug.“
„Keinen Brand an den Händen.“
„Genug!“
Seine Stimme füllte das kleine Zimmer.
Dann öffnete sich die Tür.
Ortiz stand dort.
Arthur drehte sich zu ihr um, und in diesem Augenblick veränderte sich etwas, das ich seit dem Brand nicht hatte benennen können.
Nicht seine Miene.
Nicht seine Haltung.
Die Richtung seiner Aufmerksamkeit.
Bis dahin hatte er nur mich kontrollieren müssen.
Jetzt wusste er, dass seine Geschichte einen zweiten Zuhörer hatte.
„Das ist eine private Unterhaltung“, sagte er.
Ortiz blieb an der Tür.
„Dann führen Sie sie weiter.“
Arthur lachte einmal kurz.
„Sie benutzen meine verletzte Tochter.“
„Ich habe Sie etwas gefragt“, sagte ich.
Er sah zurück zu mir.
Ich wiederholte es.
„Wo war der Schlüssel?“
Arthur presste die Lippen zusammen.
Ich wartete.
Er wartete.
Ortiz wartete nicht auf eine dramatische Beichte.
Sie stand einfach da.
Dann machte Arthur den Fehler, der alles miteinander verband.
„Selbst wenn ich ihn genommen hätte, beweist das nicht, dass ich wusste, wie schnell das Gas sich entzünden würde.“
Niemand musste ihn unterbrechen.
Der Satz war bereits draußen.
Arthur selbst hörte ihn noch einmal in seinem Kopf.
Seine Finger lösten sich vom Umschlag.
Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen, aber nicht aus Erleichterung.
Ich hatte einen Teil von mir bis zu diesem Moment noch immer daran festhalten lassen, dass es irgendeine Erklärung geben könnte, irgendeinen unmöglichen Zufall, der meinen Vater feige, gierig oder verlogen machte, aber nicht zu dem Mann, der meine Mutter in einem brennenden Haus zurückgelassen hatte.
Diese Möglichkeit war vorbei.
Ortiz trat jetzt ins Zimmer.
Arthur hob eine Hand.
„Ich habe nichts gestanden.“
„Das habe ich nicht gesagt“, antwortete sie.
„Sie verdrehen alles.“
„Dann erklären Sie es.“
Arthur sah mich an.
Nicht Ortiz.
Mich.
„Du weißt nicht, was vorher passiert ist.“
Da war plötzlich die nächste Geschichte.
Meine Mutter sei schwierig gewesen.
Unsere Ehe, sagte er, sei längst kaputt gewesen.
Sie habe ihn provoziert, gedemütigt, kontrolliert.
Er habe unter Druck gestanden.
Das Geld habe mit allem nichts zu tun.
Mit jedem Satz verschob er die Verantwortung weiter weg von sich, bis am Ende fast jeder schuld sein sollte außer dem Mann, der dreizehn Tage vor dem Brand die Versicherung geändert hatte, dessen Wagen die Straße elf Minuten vor dem Notruf verlassen hatte und der wusste, wo sich der Schlüssel befand.
Ich unterbrach ihn nicht.
Das war das Schwerste.
Arthur hatte mich mein ganzes Leben lang darauf trainiert, mich gegen seine Versionen zu verteidigen.
Diesmal ließ ich ihn reden.
Als er fertig war, schob ich den Umschlag von mir weg.
Nicht zu Arthur.
Zu Ortiz.
Sie nahm ihn entgegen.
Zum ersten Mal wechselte an diesem Tag etwas den Besitzer, das Arthur unbedingt hatte kontrollieren wollen.
Er sah auf die Papiere in ihrer Hand.
Dann auf mich.
„Du bist meine Tochter.“
„Ja.“
Mehr sagte ich nicht.
Er hatte den Satz als Forderung gemeint.
Für mich war er nur noch eine Tatsache.
Was danach geschah, fühlte sich viel unspektakulärer an, als ich es mir früher bei Geschichten über Verbrechen vorgestellt hatte.
Keine triumphierende Musik.
Kein großer Zusammenbruch.
Ortiz stellte weitere Fragen, andere Menschen übernahmen die nächsten Schritte, und Arthur bekam zunehmend weniger Möglichkeiten, selbst zu entscheiden, wann er ging, mit wem er sprach und welche Unterlagen er mitnahm.
Die Versicherungszahlung wurde nicht einfach so freigegeben.
Die Änderung dreizehn Tage vor dem Brand wurde Teil der Untersuchung, ebenso die Aufnahmen seines Wagens, der Benzinkanister, das manipulierte Gasventil und die Aussagen über den Schlüssel.
Ich musste dieselbe Geschichte mehrfach erzählen.
Nicht die Geschichte, die Arthur mir gegeben hatte.
Meine.
Manchmal kam meine Erinnerung in klaren Bildern zurück.
Manchmal blieb sie lückenhaft.
Ortiz drängte mich nie dazu, eine Lücke zu füllen.
Das war vielleicht der deutlichste Unterschied zwischen ihr und meinem Vater.
Arthur hatte jede Lücke als freien Platz betrachtet, in den er seine Wahrheit stellen konnte.
Ortiz behandelte eine Lücke einfach als das, was sie war.
Etwas, das man nicht wusste.
Wochen später erfuhr ich, dass der Schlüssel zur Hintertür zusammen mit Arthurs persönlichen Sachen sichergestellt worden war.
Es war kein magisches Beweisstück, das allein alles erklärte.
Das brauchte es auch nicht.
Die Stärke lag nicht in einem einzigen sensationellen Fund, sondern darin, dass seine Handlungen plötzlich überall dieselbe Richtung zeigten.
Die geänderte Versicherung.
Die acht Millionen.
Die Abfahrt vor dem Notruf.
Die unversehrte Kleidung.
Die verriegelte Tür.
Sein Wissen über den Schlüssel.
Und vor allem sein Versuch, meine Erinnerung so zu formen, dass keine dieser Tatsachen miteinander verbunden wurde.
Als ich das Krankenhaus schließlich verlassen durfte, ging ich nicht in das Haus zurück.
Davon war zu wenig übrig, und von mir ebenfalls.
Ich zog vorübergehend in eine kleine Wohnung, in der die Küche zu eng war, die Heizung nachts klickte und die Tür zum Flur nur dann richtig schloss, wenn man sie kräftig zuzog.
In den ersten Tagen kontrollierte ich jedes Schloss zweimal.
Manchmal dreimal.
Nicht weil ich glaubte, Arthur würde plötzlich vor der Tür stehen.
Sondern weil mein Körper sich noch nicht davon überzeugen ließ, dass eine geschlossene Tür auch Schutz bedeuten konnte.
Meine Mutter fehlte in den gewöhnlichsten Momenten.
Beim ersten Kaffee am Morgen.
Beim Öffnen einer Schublade.
Beim Gedanken, jemanden anzurufen, weil eine Rechnung seltsam aussah.
Trauer war nicht die große Welle, auf die ich mich vorbereitet hatte.
Sie war eine Serie kleiner Abwesenheiten.
Monate später wurde mir ein schlichter Schlüsselbund zurückgegeben, nachdem er für die Untersuchung nicht mehr benötigt wurde.
Daran hing der Schlüssel der Hintertür.
Ich hielt ihn lange in der Hand.
Dieses kleine Stück Metall hatte für mich zuerst bedeutet, dass meine Mutter keinen Ausgang gehabt hatte.
Dann hatte es bedeutet, dass Arthur mehr wusste, als er wissen durfte.
Ich hätte es wegwerfen können.
Stattdessen nahm ich den alten Ring ab.
Den Hausschlüssel behielt ich nicht.
Ich legte ihn in eine Schachtel mit den wenigen Dingen meiner Mutter, die den Brand überstanden hatten.
Den leeren Ring aber befestigte ich an meinem eigenen Wohnungsschlüssel.
Nicht als Erinnerung an Arthur.
Nicht als Symbol für Rache.
Einfach als etwas, das jetzt mir gehörte.
Am ersten Abend, an dem ich danach nach Hause kam, schloss ich meine Tür auf, ging hinein und drehte den Schlüssel von innen um.
Niemand hatte ihn mir weggenommen.
Niemand bestimmte, wann ich gehen durfte.
Und zum ersten Mal seit dem Feuer dachte ich bei einer verschlossenen Tür nicht daran, wer dahinter gefangen war.
Ich dachte daran, dass ich sie selbst wieder öffnen konnte.