Emily hielt Greg die Hand hin und wartete darauf, dass er ihr die blaue Mappe zurückgab.
Er tat es nicht.
Stattdessen starrte er weiter auf die erste Seite, als könnte sich der Name dort ändern, wenn er nur lange genug hinsah.

Emily stand wenige Schritte von ihm entfernt, den Schlüsselbund noch in der linken Hand, während Dana versuchte, über seine Schulter zu lesen.
„Greg“, sagte Dana. „Was steht da?“
Mein Sohn antwortete nicht.
Das war bemerkenswert, denn noch eine Stunde zuvor hatte er für alles eine Antwort gehabt.
Für meinen Koffer neben der Tür.
Für das Pflegeheim.
Für das Übertragungsformular auf dem Küchentisch.
Für den Makler, der angeblich um zehn kommen sollte.
Für den Wagen, der mich um zwölf abholen sollte.
Sogar für meine Zukunft hatte Greg einen fertigen Zeitplan gehabt.
Nur für den Namen auf diesen Papieren hatte er keinen.
Emily streckte die Hand ein zweites Mal aus.
„Die Mappe, Dad.“
Greg sah sie an.
„Woher hast du das Geld?“
Emily zog die Hand nicht zurück.
„Das ist nicht die Frage.“
„Natürlich ist das die Frage.“
Seine Stimme wurde lauter.
„Du tauchst nach Jahren hier auf, behauptest plötzlich, dieses Haus gehöre dir, und erwartest, dass ich einfach—“
„Ich bin nicht plötzlich aufgetaucht.“
Emily sagte es ruhig.
„Oma wusste immer, wo ich bin.“
Dana drehte sich zu Greg.
„Du hast gesagt, sie hätte den Kontakt zu allen abgebrochen.“
Greg warf ihr einen scharfen Blick zu.
„Darum geht es jetzt nicht.“
Doch genau darum ging es.
Seit Walter gestorben war, hatte Greg seine Version unserer Familie wie eine feste Tatsache behandelt.
Emily sei verschwunden.
Emily wolle mit uns nichts mehr zu tun haben.
Emily sei unzuverlässig.
Emily habe ihr Leben nicht im Griff.
Ich hatte diese Sätze oft genug gehört, dass Dana sie irgendwann wiederholte, als hätte sie Emily selbst gekannt.
Dabei hatte Dana sie kaum gesehen.
Und Greg hatte nie erwähnt, dass jedes Jahr eine Geburtstagskarte für mich angekommen war.
Er hatte nie erwähnt, dass Emily bei Walters Beerdigung hinten neben mir gesessen hatte.
Er hatte nie erwähnt, dass er seiner eigenen Tochter gesagt hatte, vorne bei der Familie sei kein Platz für sie.
Jetzt stand genau diese Tochter in seinem Flur.
Mit den Schlüsseln zu dem Haus, das er verkaufen wollte.
„Gib ihr die Mappe“, sagte ich.
Greg drehte sich zu mir.
Sein Gesicht sah plötzlich wieder so aus wie am Küchentisch, als er mir den Stift zugeschoben hatte.
Nur die Sicherheit war verschwunden.
„Was hast du getan, Mom?“
„Du hältst die Antwort in der Hand.“
Er schlug die nächste Seite auf.
Dann die nächste.
Dana las jetzt mit.
Ich sah, wie ihr Blick an den Unterschriften hängen blieb.
Meine.
Emilys.
Die Eintragung war erfolgt.
Das Haus war verkauft worden.
Vor sechs Monaten.
Nicht gestern.
Nicht in dieser Woche.
Nicht als spontane Reaktion auf den Koffer neben der Tür.
Sechs Monate zuvor, nachdem ich Greg nachts in meiner Küche hatte lachen hören.
„Das kann sie nicht einfach machen“, sagte Dana.
Emily sah sie an.
„Doch.“
„Sie ist einundachtzig.“
„Ja.“
„Sie versteht solche Sachen doch gar nicht mehr richtig.“
Da musste ich fast lachen.
Nicht, weil es lustig war.
Sondern weil Dana genau den Satz benutzte, mit dem sie mir zwei Tage zuvor gedroht hatte.
Verwirrte alte Frauen bekämen abgeschlossene Zimmer, hatte sie gesagt.
Keine Nähzimmer.
„Ich habe ziemlich gut verstanden, was ich unterschrieben habe“, sagte ich.
Greg legte die Mappe auf die Kommode im Flur.
„Nein.“
Er sagte das Wort zu mir, nicht zu Emily.
„Du würdest Papas Haus niemals verkaufen.“
„Ich habe es getan.“
„Ohne mich?“
Ich sah ihn an.
„Es war nicht deins.“
Zum ersten Mal an diesem Morgen hörte Dana auf, mich anzusehen, als wäre ich ein Problem, das man noch vor Mittag erledigen musste.
Stattdessen sah sie Greg an.
„Du hast gesagt, das Haus geht automatisch an dich.“
„Später“, sagte er.
„Nein. Du hast gesagt, es gehört praktisch schon dir.“
Greg rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht.
„Dana, nicht jetzt.“
Emily nahm die Mappe von der Kommode.
Diesmal hielt Greg sie nicht fest.
Sie blätterte bis zu einer markierten Seite und legte sie offen auf den kleinen Tisch im Flur.
„Das hier ist der Mietvertrag.“
Greg schaute hinunter.
Ich sagte nichts.
Ich wollte, dass er selbst las.
Ein Dollar im Jahr.
Mein Wohnrecht bis zu meinem Tod.
Das war der zweite Teil meines Plans gewesen.
Das Haus sollte nicht mehr mir gehören.
Aber niemand sollte mich hinauswerfen können, nur weil er glaubte, mein Alter mache mich leichter zu bewegen als einen Koffer.
Greg las die Seite langsam.
Dann sah er zu Emily.
„Du kannst sie also auch nicht rausschmeißen?“
Emily antwortete sofort.
„Warum sollte ich?“
Dana verschränkte die Arme.
„Und was soll das jetzt heißen?“
Emily sah sie an.
„Dass Oma hier wohnen bleibt.“
„Und wir?“
Da wurde es stiller, aber nicht dramatisch still.
Man hörte draußen ein Auto vorbeifahren.
In der Küche lief noch die Kaffeemaschine nach.
Mein Koffer stand neben der Haustür, genau dort, wo Greg ihn hingestellt hatte.
Emily sah auf ihn hinunter.
Dann wieder zu ihrem Vater.
„Ihr habt Oma heute rauswerfen wollen.“
Greg hob sofort die Hände.
„Wir wollten nur eine vernünftige Lösung.“
„Mit gepacktem Koffer?“
„Sie kann nicht ewig allein leben.“
„Sie lebt nicht allein.“
Emily sah erst Dana, dann Greg an.
„Ihr lebt seit zwei Jahren bei ihr.“
Greg machte einen Schritt auf seine Tochter zu.
„Du weißt überhaupt nicht, was hier läuft.“
„Ich weiß, dass sie im Nähzimmer auf einem Klappbett schläft.“
Er blieb stehen.
Dana sah zu mir.
Dann zum Flur.
Dann wieder zu Emily.
„Woher weißt du das?“
Emily antwortete nicht sofort.
Sie musste es auch nicht.
Ich hatte es ihr erzählt.
Nicht alles auf einmal.
Nicht mit großen Worten.
Während der vergangenen Monate hatten wir telefoniert.
Manchmal nur zehn Minuten.
Manchmal länger.
Ich hatte ihr erzählt, dass Greg und Dana mein Schlafzimmer übernommen hatten.
Dass Greg jeden Monat 300 Dollar von meiner Rente nahm.
Dass er einen Makler durch die Zimmer geführt hatte.
Dass Dana Farben für Käufer ausgesucht hatte.
Emily hatte mir nie gesagt, was ich tun sollte.
Das war einer der Gründe, warum ich ihr vertraute.
Sie hatte gefragt.
„Was möchtest du?“
Diese vier Worte waren nach zwei Jahren in meinem eigenen Haus erstaunlich ungewohnt gewesen.
Ich hatte ihr gesagt, ich wolle bleiben.
Ich wolle nicht, dass Walter sein Haus in meiner Erinnerung mit diesem letzten Jahr verband.
Und ich wolle nicht, dass Greg dafür belohnt würde, mich lange genug klein zu machen.
Daraufhin hatte Emily nur gesagt: „Dann finden wir einen Weg, bei dem du entscheiden kannst.“
Der Weg lag nun als Vertrag im Flur.
Dana tippte mit dem Finger auf die Seite.
„Das ist doch lächerlich. Ein Dollar?“
„Im Jahr“, sagte Emily.
„Das ist kein richtiger Mietvertrag.“
„Doch.“
Greg griff wieder nach der Mappe, hielt diesmal aber mitten in der Bewegung an.
Vielleicht erinnerte er sich daran, dass er sie seiner Tochter bereits einmal aus der Hand gerissen hatte.
Vielleicht merkte er endlich, dass hektische Bewegungen an der Wahrheit nichts änderten.
„Ich will mit dem Anwalt sprechen“, sagte er.
Ich nickte.
„Kannst du.“
„Heute.“
„Auch das.“
„Und ich will wissen, wie das finanziert wurde.“
Emily sah mich kurz an.
Das war der Punkt, an dem ich ihr zunickte.
„Ich habe Emily das Haus nicht geschenkt“, sagte ich.
Gregs Kopf fuhr zu mir herum.
„Was?“
„Sie hat es gekauft.“
„Mit welchem Geld?“
„Mit ihrem.“
Er lachte einmal kurz auf.
Es war nicht dasselbe Lachen wie in jener Nacht im März.
Damals hatte er sich sicher gefühlt.
Jetzt klang es gezwungen.
„Das soll ich glauben?“
Emily öffnete die Mappe erneut.
„Du musst nichts glauben.“
Sie tippte auf die Unterlagen.
„Du kannst lesen.“
Dana ging zur Garderobe und nahm ihr Handy.
„Ich rufe Chuck an.“
Greg drehte sich zu ihr.
„Warum?“
„Weil er um zehn kommen sollte und weil du ihm seit Monaten erzählst, wir würden dieses Haus verkaufen.“
„Ruf ihn nicht an.“
„Greg, er kommt sowieso.“
„Dann sag ihm ab.“
Dana hielt inne.
„Du hast ihm gesagt, die Eigentumsfrage sei geklärt.“
Er sagte nichts.
Jetzt verstand sie langsam, dass mein Verkauf nicht nur seinen Plan zerstört hatte.
Er hatte ihr offenbar ebenfalls Dinge versprochen, die ihm nie gehört hatten.
Das Haus.
Das Geld daraus.
Vielleicht die Vorstellung von einem neuen Anfang.
Ich empfand keine Freude darüber.
Dana hatte mich schlecht behandelt.
Sie hatte meinen Platz in meinem eigenen Haus kleiner gemacht, bis ein Klappbett genügen sollte.
Sie hatte mich „verrückte alte Frau“ genannt.
Trotzdem war es etwas anderes, zuzusehen, wie sie begriff, dass Greg sie mit derselben Selbstverständlichkeit getäuscht hatte, mit der er mich unter Druck gesetzt hatte.
„Wie viel wolltest du dafür bekommen?“, fragte sie.
„Dana.“
„Vierhunderttausend?“
Mein Blick ging zu Greg.
Er sah mich an.
Da wusste er, dass ich das Gespräch im März gehört hatte.
Ich musste es nicht sagen.
Sein Gesicht verriet es zuerst.
„Du warst wach“, sagte er.
„Ja.“
Dana blickte zwischen uns hin und her.
„Was soll das heißen?“
Ich antwortete ihr.
„Im März hat dein Mann hier in der Küche telefoniert.“
Greg setzte sofort an.
„Mom—“
„Er sagte, ich sei einundachtzig. Das Haus sei locker vierhunderttausend wert. Sobald ich raus sei, würdet ihr es verkaufen.“
Dana stand ganz ruhig.
Dann fragte sie Greg: „Zu wem hast du das gesagt?“
„Das ist doch jetzt völlig egal.“
„Zu wem?“
„Zu niemandem, der etwas damit zu tun hat.“
Emily sah ihren Vater lange an.
„Interessante Antwort.“
Greg wurde rot im Gesicht.
„Du hältst dich da raus.“
„Nein.“
Emilys Antwort war kurz.
„Das ist mein Haus.“
Der Satz traf ihn härter als jede Beleidigung es gekonnt hätte.
Nicht weil Emily ihn laut sagte.
Sondern weil er stimmte.
Greg deutete auf mich.
„Sie hat dich gegen mich aufgehetzt.“
Emily schüttelte den Kopf.
„Oma musste mir nichts über dich erzählen, was ich nicht schon wusste.“
Er verzog das Gesicht.
„Ach, jetzt kommt das wieder.“
„Nein.“
Emily nahm ihre Schlüssel in die Hand.
„Heute geht es nicht darum, warum du mich nach deiner zweiten Hochzeit kaum noch angerufen hast. Heute geht es darum, dass du versucht hast, deine Mutter aus einem Haus zu werfen, das dir nicht gehört.“
Greg zeigte auf den Koffer.
„Niemand hat sie rausgeworfen.“
Emily blickte auf das Gepäckstück.
„Dann warum steht der da?“
Er öffnete den Mund.
Dana antwortete für ihn.
„Weil er gestern ein Bett in einem Pflegeheim organisiert hat.“
Greg drehte sich zu ihr.
„Wir haben das gemeinsam besprochen.“
Dana sah ihn an.
„Du hast gesagt, sie hätte zugestimmt.“
Das war neu für mich.
Ich richtete mich auf.
„Das hat er dir gesagt?“
Dana antwortete nicht sofort.
Dann nickte sie einmal.
Greg trat zwischen uns.
„Das bringt doch nichts. Wir müssen jetzt klären, was mit dem Haus passiert.“
„Das Haus ist geklärt“, sagte Emily.
Sie ging zum Koffer.
Greg beobachtete sie.
Dana ebenfalls.
Emily stellte den Schlüsselbund kurz auf die Kommode, nahm meinen Koffer am Griff und hob ihn an.
Dann trug sie ihn nicht hinaus.
Sie brachte ihn zurück durch den Flur.
Direkt bis zur Treppe.
Dort stellte sie ihn neben Gregs Schuhe.
„Omas Koffer bleibt hier“, sagte sie.
Danach sah sie ihren Vater an.
„Ihr könnt eure eigenen packen.“
Greg lachte wieder, doch diesmal blieb niemand auf seiner Seite des Witzes.
„Du kannst mich nicht einfach rauswerfen.“
Emily hob die blaue Mappe.
„Heute nicht einfach. Deshalb habe ich mich vorher informiert.“
Sie sagte nicht mehr dazu.
Sie drohte nicht.
Sie hielt nur die Unterlagen fest und machte deutlich, dass die Entscheidungen über das Haus nicht länger an meinem Küchentisch von Greg getroffen wurden.
„Wie lange?“, fragte Dana.
Emily sah sie an.
„Ihr bekommt die Frist, die euch zusteht.“
Greg schnaubte.
„Großzügig.“
„Es geht nicht um Großzügigkeit.“
Emily nahm den Schlüsselbund wieder an sich.
„Es geht darum, dass Oma heute nirgendwohin fährt.“
Fast gleichzeitig klingelte es erneut an der Haustür.
Greg fuhr herum.
Diesmal war es Chuck.
Ich kannte ihn nur von den beiden Besuchen, bei denen Greg ihn durch meine Zimmer geführt hatte, als stünde ich selbst bereits auf einer Liste von Dingen, die vor dem Verkauf entfernt werden mussten.
Greg öffnete die Tür nur einen Spalt.
„Schlechter Zeitpunkt.“
Chuck sah über seine Schulter in den Flur.
Sein Blick fiel auf Emily, die Mappe und meinen Koffer.
„Wir hatten zehn Uhr.“
„Der Termin ist abgesagt.“
Chuck runzelte die Stirn.
„Was ist passiert?“
Greg wollte antworten.
Emily kam ihm zuvor.
„Das Haus steht nicht zum Verkauf.“
Chuck blickte sie an.
„Und Sie sind?“
„Die Eigentümerin.“
Chuck sah sofort zu Greg.
Der Makler war kein Retter und musste auch keiner sein.
Sein Gesicht zeigte nur die praktische Verwirrung eines Mannes, dem gerade jemand erklärte, dass die Grundlage eines geplanten Geschäfts nicht existierte.
„Greg?“
Greg presste die Lippen zusammen.
„Es gibt ein familiäres Problem.“
Emily hielt die Mappe nicht hoch wie eine Trophäe.
Sie sagte lediglich: „Es gibt kein Verkaufsmandat von mir.“
Chuck nickte langsam.
„Dann gibt es auch keinen Termin.“
Mehr brauchte es nicht.
Er verabschiedete sich knapp und ging.
Greg schloss die Tür fester als nötig.
Noch vor wenigen Tagen hatte er geglaubt, Freitag um zehn beginne sein Verkauf.
Stattdessen war um zehn Uhr sieben die letzte Person gegangen, die dafür gebraucht worden wäre.
Dana setzte sich auf die unterste Treppenstufe.
„Ich will alles sehen“, sagte sie.
Greg drehte sich zu ihr.
„Was?“
„Alles, was du Chuck erzählt hast. Alles, was du geplant hast. Und ich will wissen, warum du mir gesagt hast, das Haus sei praktisch deins.“
„Jetzt mach mich nicht zum einzigen Schuldigen.“
„Ich habe deine Mutter nicht nachts am Telefon für vierhunderttausend Dollar verplant.“
„Du wolltest genauso verkaufen.“
„Weil du gesagt hast, wir dürften.“
Ich hörte ihnen zu und merkte, dass ich keine Kraft mehr dafür aufbringen wollte, ihre Ehe zu ordnen.
Das war nicht meine Aufgabe.
Meine Aufgabe war kleiner und wichtiger.
Ich ging zu meinem Koffer.
Greg sah mich an.
„Was machst du?“
„Ich packe aus.“
Ich nahm ihn am Griff.
Emily wollte helfen, aber ich schüttelte den Kopf.
„Den schaffe ich.“
Sie ließ mich.
Das verstand sie besser als Greg.
Nicht jede Hilfe bestand darin, jemandem etwas abzunehmen.
Manchmal bestand sie darin, ihn etwas selbst tun zu lassen.
Ich zog den Koffer durch den Flur bis zum Nähzimmer.
Dort stellte ich ihn auf das Klappbett.
Dann blieb ich stehen.
Dieses Bett hatte fast zwei Jahre lang meinen Platz im Haus markiert.
Klein.
Vorläufig.
Bequem für andere.
Ich öffnete den Koffer und nahm zuerst meinen Pullover heraus.
Dann meine Schuhe.
Dann die kleine Kulturtasche, die Dana bereits für mich eingepackt hatte.
Als Emily in der Tür erschien, hielt ich ein Nachthemd in der Hand.
„Oma?“
„Ja?“
„Willst du wirklich hierbleiben?“
Ich sah sie an.
Nicht: Kannst du hierbleiben?
Nicht: Was ist vernünftig?
Nicht: Was machen wir jetzt mit dir?
Willst du hierbleiben?
„Ja“, sagte ich.
„Dann bleibst du.“
Am Nachmittag rief ich meinen Anwalt an.
Greg hörte mit, weil ich bewusst am Küchentisch telefonierte.
Ich stellte keine komplizierten Fragen.
Ich wollte nur noch einmal bestätigt haben, was bereits in den Unterlagen stand und welche nächsten Schritte Emily wegen Greg und Dana einhalten musste.
Er erklärte es ruhig.
Als das Gespräch beendet war, legte ich das Telefon neben meine Teetasse.
Greg stand am Fenster.
„Du hast das alles wirklich geplant.“
„Ja.“
„Sechs Monate lang.“
„Ja.“
Er sah hinaus in die Einfahrt, wo sein neuer Truck stand.
Jener Truck, der dort jeden Monat glänzte, während er 300 Dollar aus meiner Rente nahm und mir erklärte, jeder müsse seinen Anteil tragen.
„Warum hast du nichts gesagt?“
Ich dachte kurz darüber nach.
„Weil du mir nicht zugehört hättest.“
Er drehte sich um.
„Du hättest mit mir reden können.“
„Du hast geredet.“
„Das ist etwas anderes.“
„Nein, Greg. Du hast sehr deutlich geredet.“
Ich zählte nicht alles auf.
Ich musste es nicht.
Dreihundert Dollar im Monat.
Das Klappbett.
Der Makler.
Der Wert des Hauses.
Das Pflegeheim.
Freitag.
Zehn Uhr.
Zwölf Uhr.
Manchmal entsteht Klarheit nicht durch ein langes Gespräch, sondern dadurch, dass jemand oft genug zeigt, was er vorhat.
Dana begann noch am selben Abend, ihre Sachen aus meinem Schlafzimmer zu holen.
Nicht alle.
Nur genug, um Platz zu schaffen.
Sie legte meine alte Tagesdecke aufs Bett, die seit Monaten im Schrank gelegen hatte.
Dann stand sie in der Tür und sah mich an.
„Willst du wieder hier schlafen?“
„Ja.“
Sie nickte.
Es war keine Entschuldigung.
Dafür war es zu früh.
Aber zum ersten Mal seit langer Zeit fragte sie, statt zu bestimmen.
Greg half ihr nicht.
Er saß in der Küche und telefonierte leise.
Am nächsten Morgen zog ich in mein Schlafzimmer zurück.
Emily brachte das Klappbett nicht weg.
Sie klappte es zusammen und stellte es an die Wand des Nähzimmers.
„Behalten?“, fragte sie.
Ich strich mit der Hand über den Metallrahmen.
„Ja.“
Sie sah mich überrascht an.
„Warum?“
„Weil ich entscheiden will, was damit passiert.“
Ein paar Wochen später war Greg ausgezogen.
Dana folgte kurz danach.
Es gab keine große Abschiedsszene.
Keine Rede.
Keine versöhnliche Umarmung an der Tür.
Greg nahm seine Kartons, seine Kleidung und schließlich auch die Schlüssel, die nicht mehr zu meinem Alltag gehörten.
Emily achtete darauf, dass alles ordentlich ablief.
Ich stand nicht daneben, um seinen letzten Gang hinaus zu genießen.
Ich war in der Küche.
Dort nahm ich die Mehlblechdose aus dem Schrank.
Zum ersten Mal seit sechs Monaten musste ich darin keine wichtigen Papiere mehr verstecken.
Ich wischte sie aus.
Dann füllte ich tatsächlich Mehl hinein.
Als Emily später in die Küche kam, sah sie die Dose auf der Arbeitsplatte.
„Ist das die?“
„Ja.“
Sie grinste.
„Ganz schön unspektakulär.“
„Deshalb war sie perfekt.“
Wir backten an diesem Nachmittag zusammen.
Nicht, um etwas zu feiern.
Ich wollte keine Feier aus Gregs Scheitern machen.
Ich hatte meinen Sohn nicht besiegt.
Ich hatte nur aufgehört, ihm Entscheidungen zu überlassen, die ihm nie gehört hatten.
Greg rief in den folgenden Monaten einige Male an.
Beim ersten Gespräch wollte er über Geld sprechen.
Beim zweiten über Walter.
Beim dritten fragte er irgendwann tatsächlich, wie es mir gehe.
Ich antwortete ihm.
Kurz.
Wahrheitsgemäß.
Mehr konnte ich damals nicht geben.
Emily kam dagegen regelmäßig vorbei.
Manchmal brachte sie Brötchen mit.
Manchmal nur sich selbst.
Sie fragte nie, wann ich ausziehen würde.
Sie fragte, ob etwas repariert werden müsse.
Sie fragte, ob ich Tee wolle.
Sie fragte, ob Walters Werkbank im Keller so bleiben solle.
„Ja“, sagte ich jedes Mal.
Das Haus gehörte nun ihr.
Aber mein Leben darin gehörte weiterhin mir.
Eines Tages stand ich im Nähzimmer und sah das zusammengeklappte Gästebett an der Wand.
Emily war im Flur und sortierte einen kleinen Schlüsselring.
Ich rief nach ihr.
„Kannst du mir helfen?“
Sie kam herein.
Gemeinsam trugen wir das Klappbett ins Gästezimmer.
Nicht in den Keller.
Nicht auf den Sperrmüll.
Ins Gästezimmer.
Emily stellte es an die Wand.
„Für Besuch?“
Ich nickte.
„Für jemanden, der gefragt wird, ob er bleiben möchte.“
Dann gingen wir zurück in die Küche.
Mein Koffer stand längst wieder oben im Schrank.
Die Mehlblechdose enthielt Mehl.
Und an meinem Schlüsselbund hing noch immer derselbe Haustürschlüssel wie all die Jahre zuvor.
Nur eines hatte sich geändert.
Wenn ich ihn jetzt ins Schloss steckte, wusste ich wieder, dass die Tür sich für mich öffnete, weil ich entschieden hatte, hier zu sein.