Er hielt die Scheidung für seinen Sieg – bis Selena die Mappe öffnete-hangle09

Blythe legte Selena den neuen Vertragsentwurf hin, und die Zeile unmittelbar vor Corbins Unterschriftsfeld machte aus seiner vermeintlich sicheren Zukunft plötzlich eine offene Frage.

Die nächste Projektfreigabe würde nicht automatisch erfolgen.

Bevor Vellum Crown Media Corbin an ein weiteres großes Projekt band, sollten seine tatsächlichen Verantwortlichkeiten bei The Glass Monarch geprüft werden – einschließlich jener Entscheidungen, bei denen Selena jahrelang im Hintergrund eingegriffen hatte.

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Und die letzte Freigabe lag bei der Mehrheitseigentümerin.

Bei Selena.

Sie las die Passage zweimal, obwohl sie deren Bedeutung längst verstanden hatte.

Malcolm saß neben ihr, sagte jedoch nichts, während Blythe mit einem Finger auf die Unterlagen deutete.

„Wenn du unterschreibst, bleibt die Premiere unangetastet“, sagte Blythe. „Aber danach gibt es keinen Automatismus mehr.“

Selena blickte auf die Ledermappe ihres Vaters.

Genau das wollte sie.

Nicht Corbins Absturz.

Nicht die Zerstörung eines Projekts, an dem zahlreiche Menschen gearbeitet hatten.

Nur ein Ende jener unsichtbaren Arbeit, die ihn jahrelang besser hatte aussehen lassen, als er allein gewesen wäre.

„Dann bleibt es so“, sagte Selena.

Malcolm sah sie von der Seite an.

„Selena, sobald er versteht, was das bedeutet, wird er behaupten, du würdest Geschäft und Scheidung vermischen.“

„Dann soll er das behaupten.“

Sie nahm den Stift.

„Die Scheidung ist persönlich. Diese Prüfung ist es nicht.“

Sie unterschrieb.

Am nächsten Vormittag erschien Corbin neun Minuten vor dem angesetzten Gespräch bei Vellum Crown Media.

Er trug denselben Ausdruck, mit dem er in den vergangenen Monaten durch das Gebäude gegangen war: konzentriert, höflich und vollkommen sicher, dass sich die nächste Tür für ihn öffnen würde.

Blythe hatte ihm lediglich mitgeteilt, dass vor der Premiere noch einige Punkte zur weiteren Zusammenarbeit geklärt werden müssten.

Für Corbin bedeutete das nur eines.

Der nächste Vertrag.

Er hatte Vivian noch am Morgen gesagt, dies sei vermutlich der Termin, an dem seine Zukunft endgültig festgeschrieben werde.

Dann öffnete er die Tür zum Besprechungsraum.

Selena saß bereits dort.

Die alte Ledermappe lag geschlossen vor ihr.

Malcolm saß etwas abseits, während Blythe am anderen Ende des Tisches mehrere Unterlagen geordnet hatte.

Corbin blieb einen Moment stehen.

„Was macht sie hier?“

Blythe hob den Blick.

„Sie nimmt an der Besprechung teil.“

„Warum?“

Selena antwortete nicht für sie.

Blythe tat es.

„Weil wir über Freigaben sprechen, die ohne Zustimmung der Mehrheitseigentümerin nicht erteilt werden.“

Corbin zog den Stuhl noch nicht zurück.

Sein Blick wanderte zu Selena, dann zu Blythe und zurück.

„Welche Mehrheitseigentümerin?“

Blythe ließ die Frage stehen, bis Corbin begriff, dass niemand im Raum über einen Scherz nachdachte.

Dann sagte sie Selenas Namen.

Nur den Namen.

Corbin setzte sich langsam.

„Nein.“

Selena legte beide Hände auf die Mappe.

„Doch.“

„Du arbeitest nicht einmal offiziell hier.“

„Du hast mich nie gefragt, was ich hier tatsächlich mache.“

Corbins Blick sprang zu Malcolm.

Der Anwalt blieb still.

Dann zu Blythe.

„Seit wann weißt du das?“

„Lange genug.“

Corbin lehnte sich zurück, aber nur für einen Augenblick.

Dann kam die Wut.

„Das hier ist wegen der Scheidung.“

Selena hatte mit diesem Satz gerechnet.

„Nein.“

„Du erwartest ernsthaft, dass ich das glaube?“

„The Glass Monarch findet statt.“

Corbin verstummte.

Selena schob ihm die erste Seite des Vertragsentwurfs hin.

„Die Premiere wird nicht abgesagt, die Arbeit des Teams wird nicht vernichtet, und niemand verliert etwas, nur weil unsere Ehe vorbei ist.“

Corbin sah auf die Seite, ohne sie wirklich zu lesen.

„Aber?“

„Aber danach wirst du zum ersten Mal auf der Grundlage dessen beurteilt, was du selbst getragen hast.“

Sein Kiefer spannte sich an.

„Ich habe dieses Projekt aufgebaut.“

Selena öffnete die Mappe.

Keine dramatische Sammlung geheimer Aufnahmen kam zum Vorschein.

Keine überraschende Stimme aus einem Lautsprecher.

Nur Unterlagen.

Termine.

Freigaben.

Entscheidungen, die beinahe abgelehnt worden waren.

Interne Probleme, die gelöst werden mussten, bevor Corbin überhaupt davon erfahren hatte, wie nah sie daran gewesen waren, seinen Zeitplan zu beschädigen.

Blythe nahm das erste Blatt heraus.

„Hier“, sagte sie.

Corbin sah hin.

Blythe erklärte knapp, welche Freigabe damals festgesteckt hatte und wer den Weg gefunden hatte, sie noch rechtzeitig neu vorzulegen.

Selena.

Beim nächsten Vorgang war es eine drohende Verzögerung gewesen.

Wieder Selena.

Beim dritten hatte Corbin öffentlich eine Entscheidung vertreten, die intern längst auf dem Weg in eine Sackgasse gewesen war.

Selena hatte sie vorher korrigiert.

Corbin schob das Blatt zurück.

„Sie hat mir geholfen. Das macht das Projekt nicht zu ihrem Projekt.“

„Hat niemand gesagt“, antwortete Blythe.

Selena blieb ruhig.

„Ich will deinen Anteil nicht.“

„Was willst du dann?“

„Meinen nicht länger verstecken.“

Corbin lachte einmal kurz, aber in dem Laut lag nichts Leichtes.

„Und dafür führst du hier eine Buchhaltung unserer Ehe?“

Selena sah auf die Papiere.

„Das ist keine Buchhaltung unserer Ehe.“

Sie drehte eines der Blätter zu ihm.

„Das sind Entscheidungen des Unternehmens.“

Blythe stellte ihm daraufhin eine einfache Frage zu einem Vorgang, den Corbin bisher als Beispiel für seine Führungsstärke erzählt hatte.

Wer hatte die Änderung veranlasst, nachdem die ursprüngliche Freigabe intern nicht durchgegangen war?

Corbin begann zu antworten.

Dann brach er ab.

Er wusste es nicht.

Blythe wartete.

Selena sagte nichts.

Corbin versuchte es erneut und nannte schließlich die Entscheidung selbst, aber nicht den Weg dorthin.

„Selena hat es geregelt“, sagte Blythe.

Corbin wandte sich sofort seiner Frau zu.

„Warum hast du mir das nie gesagt?“

Zum ersten Mal an diesem Vormittag veränderte sich Selenas Gesicht.

Nicht viel.

Gerade genug.

„Ich habe es versucht.“

Corbin öffnete den Mund.

Selena hob eine Hand.

„Nicht heute. Nicht hier. Aber oft genug.“

Er sah sie an, als würde er in Gedanken Gespräche durchsuchen, die er längst vergessen hatte.

Abende, an denen sie eine Frage gestellt hatte und er nebenbei weitertelefoniert hatte.

Morgende, an denen sie ihm Unterlagen hingelegt und er nur gefragt hatte, ob alles erledigt sei.

Momente, in denen sie ihm sagte, ein Problem sei schwieriger gewesen als gedacht, und er geantwortet hatte, Hauptsache, es sei gelöst.

Er hatte die Lösung gesehen.

Nie die Arbeit dahinter.

„Also soll ich jetzt dafür bestraft werden, dass du Dinge freiwillig übernommen hast?“

„Nein“, sagte Selena.

„Was ist es dann?“

Sie sah ihn direkt an.

„Du wirst nicht bestraft. Ich höre nur auf, dich vor jeder Folge zu schützen.“

Corbin schwieg.

Das traf ihn härter als eine Drohung.

Denn gegen eine Drohung hätte er kämpfen können.

Gegen eine Kündigung hätte er protestieren können.

Gegen einen persönlichen Angriff hätte er sich verteidigen können.

Aber Selena nahm ihm nichts weg, das ihm gehörte.

Sie nahm lediglich sich selbst aus der Rechnung.

Blythe schob ihm den Vertragsentwurf hin.

„Die Premiere läuft wie geplant“, sagte sie. „Danach wird über weitere Projekte auf Grundlage der tatsächlichen Verantwortlichkeiten entschieden.“

„Und wenn Selena Nein sagt?“

Selena antwortete selbst.

„Dann wird es ein begründetes Nein sein.“

„Und wenn du Ja sagst?“

„Dann ebenfalls begründet.“

Corbin starrte sie an.

Er hatte am Friedhof geglaubt, endlich derjenige zu sein, der entschied, wann etwas endete.

Nun saß er ihr gegenüber und begriff, dass Selena dieselbe Möglichkeit schon lange gehabt hatte – und sie gerade nicht dazu benutzte, ihn zu vernichten.

Das machte die Sache für ihn nicht leichter.

Es nahm ihm sogar die bequemste Erklärung.

Er konnte sie nicht glaubwürdig als rachsüchtige Ehefrau darstellen, wenn sie sein wichtigstes Projekt weiterhin freigab.

Er konnte nur noch erklären, warum er überzeugt gewesen war, danach automatisch Anspruch auf mehr zu haben.

„Ich brauche fünf Minuten mit dir“, sagte er.

Selena schloss die Mappe.

„Wofür?“

„Allein.“

Malcolm wollte etwas sagen, doch Selena stand bereits auf.

Sie ging mit Corbin hinaus in den ruhigen Korridor vor dem Besprechungsraum.

Er wartete, bis die Tür hinter ihnen geschlossen war.

„Seit wann gehört dir Vellum Crown?“

„Das Unternehmen gehört nicht einfach mir.“

„Du weißt, was ich meine.“

„Lange genug.“

Corbin fuhr sich über den Mund.

„Während unserer ganzen Ehe?“

Selena beantwortete nicht jedes Detail.

„Du wusstest, dass meine Familie beteiligt war.“

„Beteiligt ist nicht dasselbe wie Kontrolle.“

„Nein.“

„Und du hast mir nichts gesagt.“

Selena betrachtete ihn einige Sekunden.

„Du hast heute auf dem Friedhof gesagt, du hättest gewartet, bis meine Eltern weg seien.“

Corbin blickte zur Seite.

„Das hat damit nichts zu tun.“

„Für mich schon.“

Er sah wieder zu ihr.

„Willst du jetzt hören, dass der Zeitpunkt falsch war?“

„Nein.“

„Was dann?“

„Gar nichts.“

Diese Antwort verunsicherte ihn mehr als jede Anschuldigung.

Selena brauchte keine Erklärung mehr dafür, warum er Vivian zur Beerdigung gebracht hatte.

Sie brauchte keine bessere Version seines Satzes über ihre Eltern.

Und sie brauchte nicht zu hören, dass er die Scheidung vielleicht anders übergeben hätte, wenn er gewusst hätte, wer die Mehrheit an Vellum Crown kontrollierte.

Gerade dieser Gedanke war unerträglich genug.

Corbin senkte die Stimme.

„Hättest du es mir gesagt, wäre vieles anders gewesen.“

Selena spürte den Ehering in ihrer Manteltasche.

„Genau deshalb bin ich froh, dass ich es nicht getan habe.“

Er sah sie scharf an.

Sie öffnete die Tür zum Besprechungsraum wieder.

„Die Premiere bleibt“, sagte sie. „Der Rest hängt von deiner Arbeit ab.“

Damit ging sie hinein.

In den Tagen vor der Premiere veränderte sich für Corbin zunächst erstaunlich wenig.

Sein Name stand weiter im Mittelpunkt des Projekts.

Seine Termine fanden statt.

Niemand führte ihn aus dem Gebäude.

Niemand nahm ihm öffentlich etwas weg.

Doch zum ersten Mal kamen Fragen direkt bei ihm an, die vorher oft Selena abgefangen hatte.

Eine Entscheidung musste genauer begründet werden.

Eine Rückfrage ließ sich nicht mit einem schnellen Verweis erledigen.

Ein internes Problem blieb auf seinem Tisch liegen, weil Selena es nicht vorab löste.

Corbin konnte mit diesen Dingen umgehen.

Aber nicht so mühelos, wie er geglaubt hatte.

Und vor allem nicht gleichzeitig.

Zum ersten Mal erkannte er den Unterschied zwischen sichtbar Verantwortung tragen und unsichtbar dafür sorgen, dass jemand anderes sie sichtbar tragen konnte.

Selena beobachtete das nicht mit Genugtuung.

Sie war zu beschäftigt.

Blythe begann, sie nicht mehr wie eine stille Beraterin in Termine einzubauen, sondern entsprechend ihrer tatsächlichen Rolle einzubeziehen.

Selena widersprach nicht.

Das war neu.

Jahrelang hatte sie geglaubt, Unsichtbarkeit schütze ihre Ehe vor einem Machtgefälle, das Corbin vielleicht als Demütigung empfunden hätte.

Nun verstand sie, was diese Entscheidung tatsächlich bewirkt hatte.

Sie hatte sein Selbstbild geschützt und ihr eigenes verkleinert.

Am Abend der Premiere erschien Corbin mit Vivian.

Selena sah die beiden schon aus einiger Entfernung.

Vivian trug wieder jene selbstverständliche Sicherheit, mit der sie auf dem Friedhof unter Corbins Schirm gestanden hatte.

Doch diesmal ging Selena nicht auf sie zu.

Sie hatte keinen Grund dazu.

Die Premiere war keine Fortsetzung ihrer Beerdigung.

Sie war Arbeit.

Blythe sprach kurz mit Selena über den Ablauf und ging anschließend weiter.

Corbin bemerkte es.

Er bemerkte auch, wie selbstverständlich mehrere Entscheidungen an Selena herangetragen wurden, ohne dass jemand erklären musste, warum.

Vivian bemerkte es ebenfalls.

„Warum sprechen die alle mit ihr?“, fragte sie leise.

Corbin antwortete nicht sofort.

„Sie ist beteiligt.“

Vivian sah ihn an.

„Wie beteiligt?“

„Nicht jetzt.“

Es war derselbe Tonfall, mit dem Corbin früher unangenehme Fragen an Selena beendet hatte.

Diesmal war Selena nicht diejenige, die schwieg.

Vivian tat es.

The Glass Monarch wurde an diesem Abend gezeigt, wie geplant.

Selena saß nicht neben Corbin.

Sie beanspruchte keinen Platz, der aus ihrer zerbrochenen Ehe entstanden wäre, und sie ließ auch keinen besonderen Auftritt vorbereiten, um ihm vor Publikum etwas zu beweisen.

Das Projekt durfte für sich stehen.

Als die Vorstellung vorbei war, blieb die Arbeit des Teams bestehen.

Genau das hatte Selena gewollt.

Corbin hatte einen Erfolg, den sie ihm nicht nahm.

Doch er hatte nicht mehr die Zukunft, die er bereits als Besitz betrachtet hatte.

Noch am selben Abend erhielt er die Bestätigung für das nächste interne Gespräch.

Keine automatische neue Freigabe.

Keine bereits feststehende Fortsetzung.

Nur Prüfung.

Vivian las die Nachricht über seine Schulter.

„Ich dachte, das wäre längst sicher.“

Corbin sperrte das Telefon.

„War es auch.“

Vivian sah ihn an.

„Offenbar nicht.“

Mehr sagte sie nicht.

Sie musste ihn nicht verlassen, um den Satz wirksam werden zu lassen.

Zum ersten Mal hörte Corbin seine eigene Zukunft so, wie Selena sie jahrelang gesehen hatte: abhängig von Entscheidungen, Arbeit und Menschen, deren Beitrag er kaum wahrgenommen hatte.

Am nächsten Morgen saß er erneut mit Blythe und Selena am Tisch.

Malcolm war diesmal nur für die Punkte der Trennung erreichbar und nahm an der eigentlichen Projektprüfung nicht aktiv teil.

Vor Corbin lagen dieselben Vorgänge, die Selena zuvor aus der Ledermappe geholt hatte.

Blythe ging sie nicht durch, um ihn bloßzustellen.

Sie wollte wissen, was er verstanden hatte.

Bei einigen Punkten konnte Corbin erklären, warum bestimmte Entscheidungen getroffen worden waren.

Bei anderen musste er zugeben, dass er nur das Ergebnis gekannt hatte.

Selena korrigierte ihn nicht sofort.

Sie ließ ihn ausreden.

Das war schwieriger, als sie erwartet hatte.

Ein Teil von ihr kannte noch immer den Impuls, ihm das fehlende Detail zuzuschieben, die Antwort zu vervollständigen oder einen Fehler abzufangen, bevor er Folgen bekam.

Mehrmals spürte sie, wie ihre Hand sich auf dem Tisch bewegte.

Mehrmals ließ sie sie wieder liegen.

Corbin bemerkte es schließlich.

„Du weißt die Antwort.“

„Ja.“

„Und du sagst sie nicht.“

„Du sollst sie sagen.“

„Das ist doch absurd.“

„Warum?“

„Weil wir im selben Raum sitzen und du helfen könntest.“

Selena hielt seinem Blick stand.

„Genau so hat es immer angefangen.“

Corbin lehnte sich zurück.

Blythe unterbrach das Gespräch nicht.

Nach einem Moment nahm Corbin das Blatt wieder auf.

Diesmal versuchte er nicht, Selena anzusehen.

Er arbeitete selbst weiter.

Am Ende der Sitzung hatte er nicht alles beantwortet.

Aber zum ersten Mal gehörten auch die Lücken sichtbar ihm.

Blythe erklärte, dass die Entscheidung über das nächste Projekt deshalb noch nicht fallen würde.

Keine Strafe.

Keine endgültige Absage.

Corbin bekam die Gelegenheit, die offenen Punkte selbst zu klären und zu zeigen, was er ohne Selenas Eingriffe tragen konnte.

Sein Gesicht verhärtete sich zunächst.

Dann nickte er.

Es war kein Triumph.

Aber auch keine Vernichtung.

Es war etwas, das Corbin offenbar lange nicht erlebt hatte.

Eine Konsequenz ohne jemanden, der sie heimlich für ihn abfederte.

Als Blythe gegangen war, blieb er sitzen.

Selena sammelte die Unterlagen ein.

„Warte.“

Sie hielt inne.

Corbin betrachtete die Ledermappe.

„War das alles von dir?“

„Was meinst du?“

„All diese Male.“

Selena sah auf die Dokumente.

„Nicht alles. Viele Menschen haben an dem Projekt gearbeitet.“

„Aber diese Eingriffe?“

„Viele davon.“

Corbin rieb sich über die Stirn.

„Ich wusste das nicht.“

Selena schloss die Mappe.

„Ich weiß.“

Er hob den Blick.

In seinem Gesicht lag für einen Moment etwas, das beinahe wie eine Bitte wirkte.

„Du hättest mich zwingen können, hinzusehen.“

Selena antwortete erst nach einigen Sekunden.

„Vielleicht.“

Sie nahm die Mappe an sich.

„Aber ich hätte dich nicht dazu zwingen müssen.“

Corbin sagte nichts darauf.

Diesmal war es Selena, die zuerst ging.

Die Scheidung lief weiter.

Malcolm behandelte sie getrennt von allem, was Vellum Crown Media betraf, genau wie Selena es verlangt hatte.

Sie benutzte die Eigentumsverhältnisse nicht als Hebel, um Corbin bei der Trennung schlechterzustellen.

Corbin bekam dadurch jedoch auch keinen geschäftlichen Schutz mehr, nur weil er ihr Ehemann gewesen war.

Die beiden Bereiche, die er ihr im Besprechungsraum vorgeworfen hatte zu vermischen, wurden sauberer getrennt, als er erwartet hatte.

Gerade das machte ihm endgültig klar, dass Selena keine spontane Vergeltung plante.

Sie baute eine Grenze.

Einige Wochen später konnte Corbin mehrere der offenen Punkte selbst schließen.

Andere blieben schwieriger.

Seine nächste große Freigabe kam nicht so schnell, wie er es vor der Beerdigung erwartet hatte.

Aber seine Karriere verschwand auch nicht über Nacht.

Er musste arbeiten.

Er musste Fragen beantworten.

Er musste Entscheidungen vertreten, ohne davon auszugehen, dass irgendwo außerhalb seines Blickfeldes jemand bereits die gefährlichsten Probleme beseitigte.

Und er musste akzeptieren, dass The Glass Monarch nicht ausschließlich die Geschichte seines Talents gewesen war.

Für Selena bestand die größere Veränderung darin, dass sie nicht mehr verschwand, sobald ihre Arbeit sichtbar werden konnte.

Sie nahm an Besprechungen teil, ohne sich als beiläufige Beraterin behandeln zu lassen.

Sie ließ Blythe die tatsächlichen Beiträge zum Projekt korrekt festhalten.

Sie nannte dabei nicht nur sich selbst.

Gerade das war ihr wichtig.

Wenn Corbin nicht länger allein für das gelobt werden sollte, was andere getragen hatten, durfte Selena nicht denselben Fehler in die andere Richtung machen.

Die Arbeit gehörte allen, die sie tatsächlich geleistet hatten.

Eines Abends fand Corbin sie nach einem Termin noch am langen Tisch, die Ledermappe ihres Vaters geöffnet neben sich.

Er blieb in der Tür stehen.

„Selena.“

Sie sah auf.

Er hielt keinen Blumenstrauß.

Keine Geschenke.

Keine große Geste.

Nur einen Umschlag.

Darin befanden sich Unterlagen zur laufenden Trennung, die Malcolm ihm zur Prüfung gegeben hatte.

Corbin legte den Umschlag auf den Tisch.

„Ich habe unterschrieben, was noch offen war.“

Selena zog ihn zu sich.

„Danke.“

Er blieb stehen.

„Das ist alles?“

Sie sah ihn an.

„Was erwartest du?“

Corbin suchte nach einer Antwort.

„Ich weiß es nicht.“

Zum ersten Mal glaubte Selena ihm sofort.

Er blickte auf ihre Hand.

Der Ehering war nicht dort.

„Vivian hat mich gefragt, ob ich dich zurückhaben will“, sagte er.

Selena reagierte nicht auf den Namen.

„Und?“

„Ich glaube, ich wollte zuerst nur zurückhaben, was sich sicher angefühlt hat.“

Selena schloss langsam den Umschlag.

Corbin sah zur Mappe.

„Ich dachte, das hätte alles mit mir zu tun.“

„Lange Zeit hatte vieles mit dir zu tun.“

„Und jetzt?“

Selena strich mit den Fingern über das abgenutzte Leder.

„Jetzt nicht mehr.“

Corbin nickte.

Es war keine Versöhnung.

Aber auch kein letzter Versuch, das Gespräch zu gewinnen.

Er ging zur Tür, blieb dort noch einmal stehen und sah zurück.

„Es tut mir leid wegen des Friedhofs.“

Selena spürte sofort wieder den nassen Rasen unter ihren Schuhen, den Ring in ihrer Hand und den Schirm über ihrem Kopf.

Sie sah Corbin und Vivian davongehen.

Sie hörte seinen Satz darüber, dass er gewartet hatte, bis ihre Eltern weg waren.

Nichts daran wurde durch eine Entschuldigung kleiner.

Aber Selena musste es auch nicht mehr größer machen, damit ihre Entscheidung berechtigt blieb.

„Ich habe dich gehört“, sagte sie.

Corbin nickte und ging.

Selena blieb allein zurück.

Auf dem Tisch lagen die unterschriebenen Trennungsunterlagen neben ihrem Vater alten Mappe.

Sie nahm den Ehering aus der Manteltasche, in der sie ihn seit der Beerdigung getragen hatte.

Lange sah sie ihn nicht an.

Dann legte sie ihn in den schlichten Umschlag zu den privaten Papieren und schob diesen beiseite.

Nicht in die Mappe.

Die Mappe war für etwas anderes bestimmt.

Am nächsten Morgen brachte Selena sie wieder zu Vellum Crown Media.

Früher hatte sie darin Unterlagen getragen, die sie möglichst geräuschlos lösen wollte, bevor Corbin bemerkte, dass es überhaupt ein Problem gegeben hatte.

Nun lag darin die Agenda ihrer eigenen Besprechung.

Keine Rettungsaktion für Corbin.

Keine heimliche Korrektur.

Nur Arbeit, für die sie ihren Namen nicht mehr versteckte.

Bevor die anderen eintrafen, legte Selena die Mappe vor sich und sah kurz auf die Uhr ihres Vaters an ihrem Handgelenk.

Dann öffnete sich die Tür.

Selena schlug die Mappe auf.

Diesmal schob sie sie niemand anderem über den Tisch.

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