Eltern Verpassen Emmas Abschluss — Dann Sehen Sie Den Mann Im Video-lehang09

Meine Eltern ließen meine Abschlussfeier sausen und nannten sie „eine Parade für Verlierer“, weil sie lieber zum Basketballspiel meines Bruders gingen.

Aber um 23 Uhr war meine Rede als Jahrgangsbeste Platz 1 auf TikTok.

Als sie endlich nach Hause kamen und sie auf dem Fernseher abspielten, erstarrten sie bei dem Mann, der neben mir stand.

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Mein Vater sagte es beim Frühstück.

Nicht wütend.

Nicht einmal laut.

Er sagte es so nebenbei, während er ein Brötchen auf einem kleinen Teller festhielt und Butter darüberstrich, als würde er eine ganz normale Entscheidung erklären.

„Jahrgangsbeste hin oder her, Emma“, sagte er. „Das ist trotzdem nur eine Parade für Verlierer.“

Ich hielt meine Tasse mit beiden Händen fest.

Der Kaffee darin war längst zu kalt, aber ich brauchte etwas, woran ich mich festhalten konnte.

Auf dem Küchentisch stand eine Flasche Sprudel, daneben lagen Dads Schlüssel, Moms Handy und Tylers zusammengerollter Trainingsplan.

Alles war ordentlich.

Alles hatte seinen Platz.

Nur ich nicht.

Mom sah nicht von ihrem Handy hoch.

„Tylers Halbfinale ist um sechs“, sagte sie. „Scouts könnten da sein.“

Scouts.

Dieses Wort hatte in unserem Haus mehr Gewicht als Zeugnisse, Stipendien, Empfehlungsschreiben und vier Jahre Schlafmangel zusammen.

Tyler saß mir gegenüber, mit nassen Haaren vom Duschen und diesem selbstzufriedenen Grinsen, das er immer trug, wenn unsere Eltern ihm wieder einmal die ganze Aufmerksamkeit gaben.

Er drehte seine Autoschlüssel um einen Finger.

„Nichts für ungut, Em“, sagte er. „Basketball zählt eben wirklich.“

Ich sah ihn an.

Dann sah ich Mom an.

Dann Dad.

Keiner von ihnen wartete auf meine Antwort.

Das war vielleicht das Schlimmste daran.

Sie hatten mich nicht gefragt, ob es mir wehtat.

Sie hatten schon entschieden, dass es nicht wehtun durfte.

Ich hatte vier Jahre damit verbracht, jede Lücke in meinem Leben selbst zu schließen.

Ich hatte Nachhilfe gegeben, wenn ich eigentlich selbst hätte schlafen müssen.

Ich hatte in der Bibliothek gearbeitet, Bücher einsortiert, Ausweise kontrolliert, Tische abgewischt und danach noch Hausarbeiten geschrieben.

Ich hatte Bewerbungen ausgefüllt, Stipendienfristen in meinen Kalender eingetragen und mir den Wecker auf 5:20 Uhr gestellt, damit ich vor der Schule lernen konnte.

Tyler war zweimal in Algebra durchgefallen.

Aber Tyler konnte dunken.

Und in unserem Haus war das offenbar eine Währung, mit der man alles bezahlen konnte.

Auf dem Kühlschrank hing seit Wochen sein Spielplan.

Mit Magneten befestigt.

Gerade ausgerichtet.

Darunter hatte Mom mit rotem Stift die Uhrzeit markiert.

18:00 Uhr.

Mein Abschlussprogramm lag seit drei Wochen daneben.

Es war einmal heruntergefallen.

Niemand hatte es wieder aufgehängt.

Ich hatte es selbst aufgehoben und in meine Tasche gesteckt.

Dad stand auf, nahm seine Schlüssel und klopfte Tyler auf die Schulter.

„Wir müssen früh los“, sagte er. „Ordnung muss sein. Keine Hektik vor so einem Spiel.“

Ich hätte fast gelacht.

Nicht, weil es lustig war.

Sondern weil er bei Tyler immer fünf bis zehn Minuten zu früh sein wollte.

Bei mir war nicht einmal Anwesenheit nötig.

Mom legte endlich ihr Handy ab.

Für einen kurzen Moment hoffte ich, sie würde mich ansehen und sagen, dass sie wenigstens zur Rede kommen würde.

Nur zur Rede.

Nur zu meinem Namen.

Nur für die paar Minuten, in denen ich auf einer Bühne stehen und zeigen würde, dass all die Nächte, die ich durchgearbeitet hatte, nicht umsonst gewesen waren.

Stattdessen sagte sie: „Du verstehst das irgendwann.“

„Was genau?“ fragte ich.

Meine Stimme war ruhig.

Zu ruhig.

Dad zog die Augenbrauen zusammen.

„Mach daraus keine große Sache.“

Da war er.

Der Satz, mit dem in unserer Familie jedes Gefühl beendet wurde, das unbequem war.

Mach daraus keine große Sache.

Also machte ich keine große Sache daraus.

Ich stand auf.

Ich räumte meinen Teller in die Spüle.

Ich wusch meine Tasse aus.

Ich nahm meine blaue Kappe, meine Robe, den gefalteten Zettel mit meiner Rede und den Umschlag mit der Stipendienbestätigung.

Dann ging ich allein.

Draußen war die Luft warm und trocken.

Ich lief zur Bushaltestelle, weil Tyler das Auto brauchte.

In meiner Tasche knisterte das Programmheft der Abschlussfeier.

Vorn stand mein Name.

Emma Whitaker.

Valedictorian.

Jahrgangsbeste.

Ich hatte das Wort so oft gelesen, dass es irgendwann nicht mehr wie ein Erfolg klang, sondern wie eine Frage.

Was nützt es, die Beste zu sein, wenn die Menschen, die dich aufwachsen sahen, nicht einmal den Weg zur Tribüne finden?

An der Lakeside High war alles vorbereitet.

Die Reihen waren markiert.

Die Stühle standen sauber ausgerichtet.

Die Lautsprecher wurden getestet.

Auf dem Footballfeld flimmerten die Linien im Abendlicht.

Familien kamen in Gruppen, manche zu laut, manche nervös, manche mit Blumen, manche mit Ballons, manche mit Kameras, die sie schon vor Beginn hochhielten.

Ich sah eine Mutter, die ihrer Tochter die Kappe richtete.

Ich sah einen Vater, der seinem Sohn den Kragen glattstrich.

Ich sah Großeltern, die sich langsam auf die Tribüne setzten und ihre Plätze mit der Sorgfalt auswählten, als wäre dieser Abend ein Termin, den man niemals verpassen durfte.

Ich setzte mich in die erste Reihe.

Hinter mir stand ein Schild.

FAMILIES OF HONOR STUDENTS.

Die Plätze direkt dahinter blieben leer.

Ich sah nicht hin.

Natürlich sah ich hin.

Immer wieder.

Nina kam kurz vor Beginn angerannt und blieb vor mir stehen.

Sie trug ein Kleid, das sie wahrscheinlich seit Wochen geplant hatte, und hielt ihr Handy bereits in der Hand.

„Ich filme alles“, sagte sie.

Ich nickte.

Mehr brachte ich nicht heraus.

Sie sah hinter mich.

Ihr Gesicht veränderte sich nur für eine Sekunde.

Dann fing sie sich.

„Dann filme ich eben lauter“, sagte sie.

Das war Nina.

Sie machte aus Mitleid keine große Szene.

Sie stellte sich einfach dorthin, wo sonst eine Familie hätte stehen sollen.

Um 18:00 Uhr begann die Feier.

Pünktlich.

Die Musik setzte ein.

Die Stuhlreihen bewegten sich.

Die Schüler gingen in ihren Roben nach vorn.

Ich spürte meine Finger um die gefaltete Rede.

Der Zettel hatte inzwischen weiche Kanten, weil ich ihn zu oft auf- und zugefaltet hatte.

Darauf stand die sichere Version.

Die saubere Version.

Die Version, die niemandem wehtat.

Sie begann mit einem Dank an unsere Familien.

Ich hatte diesen Satz gestern Abend dreimal gelesen und jedes Mal wieder gestrichen.

Dann hatte ich ihn doch stehen lassen.

Weil man auf solchen Bühnen brav sein soll.

Weil man lächeln soll.

Weil man Erfolg so erzählen soll, dass sich niemand schuldig fühlt.

Principal Harris trat ans Mikrofon.

Die Reden begannen.

Der Chor sang.

Ein Schüler machte einen Witz, der halb funktionierte.

Eltern lachten trotzdem.

Dann hörte ich meinen Namen.

„Emma Whitaker, valedictorian.“

Der Applaus begann höflich.

Dann wurde er stärker.

Vielleicht, weil meine Lehrer aufstanden.

Vielleicht, weil einige Schüler wussten, was ich alles getan hatte.

Vielleicht, weil Nina so laut klatschte, dass sich Leute nach ihr umdrehten.

Ich ging zum Podium.

Die Scheinwerfer waren warm.

Zu warm.

Mein Mund war trocken.

Ich legte den gefalteten Zettel auf das Pult.

Meine Hände zitterten.

Für einen Moment wollte ich alles so machen, wie man es von mir erwartete.

Dankbar.

Bescheiden.

Ungefährlich.

Ich sah auf die erste Zeile.

Dann sah ich zu den leeren Sitzen hinter dem Schild.

Und plötzlich verstand ich etwas.

Manchmal ist Schweigen nicht Würde.

Manchmal ist Schweigen nur die letzte Form, in der man sich selbst verrät.

Ich hob den Blick.

„Mein Name ist Emma Whitaker“, begann ich, „und heute Abend möchte ich den Menschen danken, die gekommen sind.“

Die Luft veränderte sich.

Es war kein lauter Moment.

Eher ein stilles Einrasten.

Als hätten alle gespürt, dass diese Rede nicht mehr die übliche Rede werden würde.

Ich dankte Mrs. Alvarez.

Ich erzählte, wie sie Snacks in ihrer Schublade aufbewahrte, nicht nur für mich, aber auch für mich.

Ich sagte nicht, dass ich manchmal so getan hatte, als hätte ich keinen Hunger.

Ich sagte nur, dass sie es trotzdem bemerkt hatte.

Mrs. Alvarez saß in der zweiten Lehrerreihe.

Sie presste die Hand vor den Mund.

Ich dankte Mr. Coleman.

Ich erzählte, wie er mich nach Schließzeit in der Bibliothek hatte sitzen lassen, während er die Rückgaben sortierte und die Stühle hochstellte.

Ich erzählte, dass er nie gefragt hatte, warum ich so lange blieb.

Er hatte mir einfach irgendwann eine kleine Schreibtischlampe hingestellt und gesagt, ich solle das Licht ausmachen, wenn ich ging.

Mr. Coleman nahm seine Brille ab.

Dann dankte ich Nina.

Ich sagte, dass sie jedes Debattenturnier gefilmt hatte.

Jede Preisverleihung.

Jeden Moment, bei dem sonst niemand aus meiner Familie im Raum gewesen war.

Nina hielt ihr Handy noch immer hoch.

Ich sah direkt in die kleine Linse.

Dann atmete ich ein.

„Und ich möchte den Menschen danken, die nicht gekommen sind“, sagte ich.

Auf dem Feld wurde es still.

Nicht unangenehm still.

Wach still.

„Denn Abwesenheit lehrt auch“, sagte ich. „Sie lehrt dich, dass Applaus manchmal zuerst von Fremden kommt, bevor er von zu Hause kommt.“

Ich hörte irgendwo jemanden leise einatmen.

„Sie lehrt dich, nicht kleiner zu werden, nur weil die Menschen, die dich laut lieben sollten, sich für Schweigen entscheiden.“

Die ersten Handys gingen hoch.

Dann mehr.

Ich sprach nicht schneller.

Ich schrie nicht.

Ich machte kein Drama aus meiner Stimme.

Ich sagte Klartext, und vielleicht war genau das der Grund, warum jeder Satz schwerer wirkte.

Ich sagte, dass Erfolg nicht immer mit einem Familientisch beginnt, an dem alle an dich glauben.

Manchmal beginnt er mit einer Lehrerin, die einen Müsliriegel in eine Schublade legt.

Manchmal mit einem Bibliothekar, der nach Feierabend nicht fragt, warum du nicht nach Hause willst.

Manchmal mit einer Freundin, die filmt, weil sie weiß, dass Beweise wichtig sind, wenn Liebe nicht auftaucht.

Ich sagte nicht den Namen meiner Eltern.

Ich musste nicht.

Abwesenheit hat ihre eigene Handschrift.

Als ich endete, war es einen Moment lang vollkommen still.

Dann stand jemand auf.

Dann noch jemand.

Dann eine ganze Reihe.

Der Applaus kam wie eine Welle.

Ich stand hinter dem Podium und konnte kaum atmen.

Nicht, weil ich gewonnen hatte.

Sondern weil zum ersten Mal an diesem Abend jemand gesehen hatte, was es gekostet hatte.

Als ich von der Bühne trat, wartete am Rand ein großer Mann in einem anthrazitfarbenen Anzug.

Er hatte silberne Schläfen, saubere Schuhe und eine Haltung, die ruhig wirkte, ohne weich zu sein.

In seiner Hand hielt er weiße Rosen.

Ich erkannte ihn sofort.

Nicht, weil ich ihn je persönlich getroffen hatte.

Sondern weil sein Name seit Monaten in meinem Posteingang stand.

Daniel Pierce.

Die E-Mails.

Das Interview.

Der Stipendienbrief.

Der Moment, in dem ich zum ersten Mal begriffen hatte, dass mein Leben vielleicht größer werden konnte als unser Küchentisch.

Er reichte mir die Blumen.

„Emma“, sagte er leise. „Sie waren außergewöhnlich.“

Nicht du.

Sie.

Die formelle Anrede traf mich unerwartet.

Nicht kalt.

Respektvoll.

So, als wäre ich nicht das Kind, das zu Hause übersehen wurde, sondern eine junge Frau, deren Arbeit Gewicht hatte.

„Danke“, sagte ich.

Meine Stimme brach fast.

Er bemerkte es, aber er tat nicht so, als müsste er mich retten.

Er stand nur neben mir, mit genug Abstand, um mich nicht zu bedrängen, und genug Nähe, damit ich nicht allein wirkte.

Nina filmte weiter.

Das wusste ich nicht.

Oder vielleicht wusste ich es und wollte es in diesem Moment nicht wissen.

Die nächsten Stunden verschwammen.

Fotos.

Hände.

Glückwünsche.

Lehrer, die mich drückten, obwohl ich sonst Umarmungen vermied.

Mrs. Alvarez weinte offen.

Mr. Coleman sagte nur: „Gut gemacht“, und genau aus seinem Mund bedeutete das mehr als jede lange Rede.

Ich fuhr nicht sofort nach Hause.

Nina und ich saßen später auf einer niedrigen Mauer am Parkplatz.

Sie hatte zwei Wasserflaschen gekauft und hielt mir eine hin.

„Deine Rede geht gerade los“, sagte sie.

„Was heißt das?“

Sie drehte ihr Handy zu mir.

Das Video hatte bereits Tausende Aufrufe.

Dann Zehntausende.

Dann hörte es nicht mehr auf.

Kommentare tauchten schneller auf, als ich lesen konnte.

Menschen schrieben, dass sie auch leere Stühle gekannt hatten.

Dass sie auch jemandem gedankt hatten, der nicht kam.

Dass sie diesen Satz über Fremde und Applaus nicht vergessen würden.

Um 23:00 Uhr vibrierte mein Handy so oft, dass ich es auf lautlos stellte.

Nina starrte auf den Bildschirm.

„Emma“, sagte sie. „Du bist Platz 1.“

„Wo?“

„TikTok.“

Ich lachte einmal kurz, weil mein Körper keine andere Reaktion fand.

Platz 1.

Nicht wegen eines Tanzes.

Nicht wegen eines Streichs.

Wegen einer Rede, die ich fast nicht gehalten hätte.

Zu Hause war das Wohnzimmer dunkel, als ich später hineinging.

Meine Eltern waren noch nicht da.

Auf dem Tisch lag ein Programm vom Basketballspiel, das jemand in die Handtasche meiner Mutter gesteckt haben musste.

Ich erkannte Tylers Teamlogo.

Daneben stand eine zerknitterte Quittung vom Imbissstand.

Ich zog meine Robe aus und legte sie über einen Stuhl.

Dann stellte ich die weißen Rosen in ein Glas, weil ich keine Vase fand.

Das Glas stand auf dem Tisch wie etwas, das nicht in dieses Haus passte.

Zu hell.

Zu sichtbar.

Zu freundlich.

Ich hätte ins Bett gehen können.

Ich hätte mein Handy ausschalten können.

Ich hätte so tun können, als würde nichts mehr passieren.

Aber ich blieb im Wohnzimmer sitzen.

Nicht aus Trotz.

Nicht einmal aus Hoffnung.

Eher, weil ich spürte, dass der Abend noch nicht fertig mit uns war.

Kurz nach 23 Uhr hörte ich das Auto.

Dann die Haustür.

Dann Dads Schlüssel.

Sie klirrten lauter als sonst, weil er sie nicht in die Schale legte, sondern auf den Tisch warf.

Tyler kam zuerst herein.

Er humpelte.

Sein Gesicht war rot, aber nicht vom Laufen.

Wütend.

Beschämt.

Stumm.

Seine Sporttasche rutschte ihm von der Schulter und schlug gegen den Schuhschrank.

Mom folgte ihm.

Sie trug noch das Lächeln eines Menschen, der den Heimweg damit verbracht hatte, sich eine Erklärung zurechtzulegen.

Dad kam zuletzt.

Er sah mich in der Robe nicht mehr.

Er sah nur das Handy in meiner Hand.

„Wir haben dein Video gesehen“, sagte Mom.

Es klang nicht wie Stolz.

Es klang wie eine Beschwerde.

Ich antwortete nicht.

Tyler schnappte sich eine Sprudelflasche vom Tisch, öffnete sie zu schnell, und etwas Wasser lief über seine Finger.

Er fluchte leise.

Niemand wischte es weg.

In unserem Haus blieb sonst nie etwas lange unordentlich.

Dad zeigte auf den Fernseher.

„Mach es an.“

„Warum?“ fragte ich.

„Mach es einfach an.“

Da war wieder diese Stimme.

Die Stimme, die erwartete, dass Räume sich ordneten, sobald er sprach.

Ich nahm die Fernbedienung.

Meine Hand war ruhig.

Das überraschte mich.

Ich öffnete TikTok auf dem Fernseher.

Mein Gesicht erschien groß auf dem Bildschirm.

Ich stand am Podium.

Meine blaue Kappe saß ein wenig schief.

Meine Hände lagen auf dem Papier.

Mom verschränkte die Arme.

Dad blieb stehen.

Tyler lehnte im Türrahmen, als wollte er zeigen, dass er nicht interessiert war.

Aber er sah hin.

Alle sahen hin.

Meine Stimme füllte das Wohnzimmer.

„Heute Abend möchte ich den Menschen danken, die gekommen sind.“

Moms Gesicht blieb zuerst hart.

Dann kam Mrs. Alvarez im Bild vor.

Dann Mr. Coleman.

Dann Nina.

Dann der Satz.

„Und ich möchte den Menschen danken, die nicht gekommen sind.“

Mom atmete scharf ein.

Dads Kiefer spannte sich an.

Tyler sah auf seine Schuhe.

Der Raum wurde plötzlich zu klein.

Es war keine Bühne mehr.

Kein Footballfeld.

Keine sichere Entfernung zwischen meiner Wahrheit und ihrem Stolz.

Es war unser Wohnzimmer.

Unser Tisch.

Unsere Uhr.

Unsere Schlüssel.

Unsere leeren Plätze.

Auf dem Bildschirm hob das Publikum die Handys.

Der Applaus schwoll an.

Ich trat von der Bühne.

Und dann erschien Daniel Pierce.

Zuerst nur im Rand des Bildes.

Anthrazitfarbener Anzug.

Weiße Rosen.

Silber an den Schläfen.

Eine ruhige Handbewegung, als er mir Platz machte.

Moms Lächeln verschwand zuerst.

Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.

Dad machte einen Schritt nach vorn.

Dann noch einen.

Seine Finger lagen auf der Kante des Couchtisches.

Die Schlüssel darunter drückten sich in seine Handfläche, aber er bemerkte es nicht.

Die Kamera zoomte nicht.

Sie musste nicht.

Daniel Pierce stand klar genug im Bild.

Neben mir.

Mit Blumen.

Mit diesem Blick, den Erwachsene haben, wenn sie bereits eine Entscheidung getroffen haben.

Dad wurde blass.

Nicht überrascht.

Eher ertappt.

Mom sah von Daniel zu mir und wieder zurück zum Bildschirm.

„Wer ist das?“ fragte Tyler.

Niemand antwortete ihm.

Das war Antwort genug.

Dad flüsterte: „Warte mal … ist das etwa Daniel Pierce?“

Mein Handy vibrierte auf dem Tisch.

Einmal.

Dann noch einmal.

Der Bildschirm leuchtete auf.

Ich sah den Namen.

Daniel Pierce.

Mom sah ihn auch.

Dad sah ihn auch.

Für einen Moment bewegte sich niemand.

Nicht einmal Tyler.

Dann erschien die Vorschau der Nachricht.

Emma, bevor deine Eltern weiterreden, sollten sie wissen, was ich heute unterschrieben habe …

Die Fernbedienung rutschte Mom aus der Hand.

Sie fiel auf den Boden und traf die Tischkante mit einem trockenen Knacken.

Tyler stieß sich vom Türrahmen ab.

„Was unterschrieben?“ fragte er.

Ich nahm das Handy nicht sofort hoch.

Ich ließ die Nachricht einen Moment lang dort liegen, hell auf dem dunklen Tisch, neben Dads Schlüsseln, neben dem nassen Abdruck der Sprudelflasche, neben den weißen Rosen, die noch immer im Glas standen.

Mein Vater sah mich an.

Zum ersten Mal an diesem Tag sah er mich wirklich an.

Nicht als Tochter, die zu empfindlich war.

Nicht als Mädchen mit guten Noten.

Nicht als Störung im Plan meines Bruders.

Als jemanden, der vielleicht gerade eine Tür geöffnet hatte, die er nicht kontrollieren konnte.

„Emma“, sagte er langsam. „Was hat Daniel Pierce unterschrieben?“

Seine Stimme war nicht mehr hart.

Das machte sie nicht besser.

Ich dachte an den Frühstückstisch.

An die Butter auf dem Brötchen.

An Moms Handy.

An Tylers Schlüssel, die sich wie ein kleines Rad gedreht hatten.

An den Satz, der so beiläufig gefallen war.

Eine Parade für Verlierer.

Ich nahm mein Handy.

Meine Finger zitterten jetzt doch.

Nicht vor Angst.

Vor der Wucht dessen, was gleich ausgesprochen werden würde.

Ich öffnete die Nachricht.

Dad beugte sich vor.

Mom stand halb auf.

Tyler hielt den Atem an.

Und auf dem Fernseher lief meine Rede noch einmal von vorn.

„Mein Name ist Emma Whitaker …“

Ich las die erste Zeile.

Dann die zweite.

Dann verstand ich, warum Daniel Pierce gewollt hatte, dass meine Eltern es wussten, bevor sie weiterredeten.

Die Nachricht war nicht nur Glückwunsch.

Sie war ein Beweis.

Ein Termin.

Eine Entscheidung mit Unterschrift.

Und sie machte mit einem einzigen Satz klar, dass meine Eltern an diesem Abend nicht nur eine Abschlussfeier verpasst hatten.

Sie hatten den Moment verpasst, in dem jemand anders öffentlich an mich geglaubt hatte.

Ich hob den Blick.

Dad sah aus, als würde er jeden möglichen Satz prüfen und keinen finden, der ihn retten konnte.

Mom flüsterte: „Emma, bitte.“

Dieses Bitte kam zu spät.

Viel zu spät.

Ich drehte das Handy um, damit sie lesen konnten.

Noch bevor Dad das Ende der Nachricht erreichte, setzte Mom sich langsam auf die Sofakante.

Ihre Hand ging an ihren Mund.

Tyler las über ihre Schulter.

Sein Gesicht verlor die Wut.

Zurück blieb etwas Unsicheres.

Etwas Kleines.

Dad sagte meinen Namen.

Nur meinen Namen.

Aber diesmal klang er nicht wie eine Anweisung.

Es klang wie jemand, der gerade begriff, dass Ordnung nicht dasselbe ist wie Gerechtigkeit.

Ich hielt das Handy fest und spürte, wie die ganze Wohnung still wurde.

Die Uhr zeigte 23:07 Uhr.

Sie waren pünktlich zurückgekommen für die Wahrheit.

Nur für mich waren sie zu spät.

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