Im Krankenhaus Flüsterte Sie Den Satz, Der Alles Verriegelte-lehang09

Der Keller hatte keinen richtigen Geruch mehr, nachdem ich lange genug darin gewesen war.

Am Anfang roch er nach feuchtem Beton, nach Staub, nach alten Kartons und nach dem säuerlichen Rest von Dingen, die Menschen wegstellen, weil sie sie nicht mehr ansehen wollen.

Dann wurde der Geruch Teil meiner Haut.

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Ich merkte ihn nicht mehr, bis die Kellertür aufging und von oben frische Luft kam.

Mit dieser Luft kamen manchmal Stimmen.

Meine Schwiegermutter sprach immer zuerst.

Sie tat das auf eine Weise, die nicht nach Wut klang, sondern nach einem Termin, der ordentlich abgearbeitet werden musste.

„Sie muss lernen“, sagte sie.

Manchmal sagte sie auch: „Sie braucht Korrektur.“

Das Wort war sauber.

Das, was danach kam, war es nicht.

Ihr Sohn, mein Mann, kam dann die Treppe hinunter.

Er setzte die Füße vorsichtig auf jede Stufe, als wollte er nicht den Schmutz des Kellers in die Ordnung des Hauses tragen.

Oft trug er ein Hemd, das gebügelt war.

Seine Schuhe waren sauber.

Einmal sah ich sogar, dass an seinem Handgelenk die Uhr glänzte, und ich dachte daran, wie pünktlich er früher gewesen war, als wir uns noch trafen, als ich es für Respekt hielt.

Damals kam er fünf Minuten zu früh.

Damals öffnete er Türen.

Damals fragte er, ob ich Sprudel oder stilles Wasser wollte.

Ich hatte das für Fürsorge gehalten.

Später verstand ich, dass Pünktlichkeit auch bedeuten kann, dass jemand genau weiß, wann eine Tür wieder abgeschlossen wird.

Der Keller war nicht groß.

Links standen alte Regale, rechts mehrere Kisten, in denen Stoffe und kaputte Haushaltsgeräte lagen.

Ein Stuhl stand an der Wand, ein Bein wackelte.

In einer Ecke war ein Eimer.

Über mir war ein kleines Fenster, so hoch, dass ich nicht hinaussehen konnte.

Es war genug, um Licht hereinzulassen, aber nie genug, um den Himmel zu erkennen.

Die Ratten kamen zuerst nur nachts.

Ich hörte sie, bevor ich sie sah.

Krallen auf Karton.

Kurzes Rascheln.

Ein dumpfes Schieben, wenn etwas Kleines gegen eine leere Flasche stieß.

Irgendwann wurde ihr Geräusch vertrauter als die Stimmen oben.

Das machte mir mehr Angst als alles andere.

Ein Mensch gewöhnt sich an zu viel, wenn niemand kommt.

Ich war schwanger.

Dieser Satz hatte am Anfang noch Gewicht.

Ich sagte ihn durch die Tür.

Ich sagte ihn zu meinem Mann, als er die Treppe hinunterkam.

Ich sagte ihn zu meiner Schwiegermutter, als sie oben stand und nicht hinunterblickte.

„Ich bin schwanger“, sagte ich. „Das Baby braucht einen Arzt. Ich brauche Essen. Bitte.“

Sie antwortete nicht wie ein Monster.

Das wäre leichter gewesen.

Sie antwortete wie jemand, der einen unordentlichen Tisch betrachtet.

„Dann hör endlich auf, Schwierigkeiten zu machen.“

Schwierigkeiten.

So nannte sie meine Bitten.

So nannte sie meinen Hunger.

So nannte sie die Tatsache, dass ich nicht mehr lächelte, wenn sie mich vor ihrem Sohn zurechtwies.

Vorher war alles klein gewesen.

Eine Bemerkung über die Art, wie ich die Tassen in den Schrank stellte.

Eine Korrektur beim Abendbrot.

Ein Blick auf meine Kleidung.

Ein Satz darüber, dass in ihrem Haus Ordnung herrsche.

Ich versuchte, mich anzupassen.

Ich stellte die Schuhe gerader an die Tür.

Ich kam früher zum Essen.

Ich räumte die Küche so auf, wie sie es wollte.

Ich sagte weniger.

Dann sagte ich fast nichts mehr.

Es half nicht.

Denn es ging nie um Tassen.

Es ging darum, dass ich nicht ganz verschwand.

Mein Mann hatte das zuerst nur beobachtet.

Wenn seine Mutter mich mit diesem hellen, scharfen Ton ansprach, schaute er auf seinen Teller.

Wenn sie sagte, ich sei undankbar, trank er aus seinem Glas.

Wenn ich später im Schlafzimmer fragte, warum er nichts gesagt habe, rieb er sich die Augen und meinte, ich solle es nicht größer machen, als es sei.

„Meine Mutter meint es praktisch“, sagte er.

Praktisch.

Auch das war ein sauberes Wort.

Ich hielt mich daran fest, weil ich noch nicht glauben wollte, dass ich allein war.

Dann kam der Tag, an dem ich das Haus verlassen wollte.

Ich hatte meine Tasche gepackt.

Nicht viel.

Ein paar Kleidungsstücke, eine Mappe mit Unterlagen, mein Ausweis, die kleine Karte mit dem nächsten Arzttermin.

Ich legte den Schlüssel auf den Tisch, weil ich keine Szene wollte.

Meine Schwiegermutter sah zuerst die Mappe.

Nicht mein Gesicht.

Die Mappe.

„Wohin gehst du?“ fragte sie.

„Zum Arzt“, sagte ich.

Das stimmte nicht ganz.

Ich wollte zum Arzt und danach nicht zurück.

Vielleicht hörte sie das in meiner Stimme.

Vielleicht hatte sie längst gewusst, dass dieser Tag kommen würde.

Sie stellte sich vor die Tür.

Mein Mann kam aus dem Flur.

Ich erinnere mich an die Uhr an der Wand, weil ich dachte, dass ich den Termin verpassen würde.

Das war mein erster Gedanke.

Nicht: Sie werden mich einsperren.

Nicht: Das ist der Moment, in dem alles kippt.

Nur: Ich komme zu spät.

Dann nahm sie meine Tasche.

Er nahm die Mappe.

Ich sagte seinen Namen.

Er sah mich an, aber nur kurz.

Seine Mutter sagte: „Unten.“

Ein Wort.

Mehr brauchte sie nicht.

Der erste Tag im Keller war voller Wut.

Ich schrie.

Ich schlug gegen die Tür.

Ich drohte, die Polizei zu rufen, obwohl mein Telefon oben geblieben war.

Ich rief, dass sie das nicht dürften.

Ich rief, dass sie verrückt seien.

Ich rief so lange, bis meine Stimme kratzte.

Von oben kam irgendwann nur ihr Schritt.

Langsam.

Ruhig.

Dann sagte sie durch die Tür: „Wenn du dich beruhigst, reden wir.“

Ich beruhigte mich nicht.

Darum redete niemand.

Am zweiten Tag bekam ich Wasser.

Am dritten Tag ein Stück Brot, so trocken, dass es im Mund zerfiel.

Danach verlor ich die Ordnung der Tage.

Die Uhr oben blieb mein einziger Kalender.

Manchmal roch ich Brötchen.

Manchmal Abendbrot.

Manchmal den Kaffee am Morgen.

Diese Gerüche waren schlimmer als Hunger, weil sie bewiesen, dass direkt über mir ein normaler Tag begann.

Ein Haushalt, in dem Teller gespült wurden.

Ein Tisch, der abgewischt wurde.

Ein Schlüssel, der an seinem Haken hing.

Und darunter ich.

Ich begann, mit meinem Baby zu sprechen.

Leise, damit oben niemand es hörte.

Ich erzählte ihm von Dingen, die es geben sollte.

Licht.

Fenster.

Ein Kinderwagen.

Eine Decke, die nach Waschmittel roch.

Ich versprach, dass ich es herausbringen würde.

Ich machte dieses Versprechen, obwohl ich nicht mehr wusste, wie.

Die Ratten wurden mutiger.

Eine lief eines Nachts über meinen Fuß.

Ich trat nach ihr und stieß gegen den Stuhl.

Das Geräusch muss oben gehört worden sein, denn kurz darauf ging die Tür auf.

Mein Mann stand im Licht.

Hinter ihm seine Mutter.

Sie blieb oben, nur ihre Umrisse waren zu sehen.

„Schon wieder Theater“, sagte sie.

Ich kroch nicht zurück.

Ich wollte nicht, dass sie sah, wie viel Angst ich hatte.

„Bring mich zum Arzt“, sagte ich zu ihm.

Er kam zwei Stufen herunter.

„Du machst alles schlimmer.“

„Ich bin deine Frau.“

Er antwortete nicht.

Das war der Augenblick, in dem etwas in mir nicht brach, sondern ganz still wurde.

Ich verstand, dass er nicht zwischen mir und seiner Mutter stand.

Er stand vor ihr.

Wie eine Tür.

Die Entzündungen an meinen Beinen kamen langsam.

Erst kleine rote Stellen.

Dann Schwellungen.

Dann Hitze.

Ich konnte nicht mehr richtig stehen.

Wenn ich schlief, träumte ich von Wasserhähnen.

Nicht von Flucht.

Nicht von Hilfe.

Nur von einem klaren Strahl Wasser und einem Glas, das nie leer wurde.

Am letzten Tag hörte ich oben Stimmen, die nicht zur Familie gehörten.

Besuch.

Ich lag auf der Seite, eine Hand auf dem Bauch.

Ich wartete auf eine Bewegung.

Nichts.

Vielleicht war ich zu schwach, um sie zu spüren.

Das sagte ich mir.

Vielleicht war das Baby nur still.

Vielleicht schlief es.

Meine Schwiegermutter stand über der Luke im Flur.

Ich hörte sie lachen.

Nicht laut.

Gesellig.

Als wäre sie eine Frau, die Brötchen aufschneidet und fragt, wer noch Sprudel möchte.

Dann wurde mir schwarz vor Augen.

Als ich wieder zu mir kam, war das Licht weiß.

Nicht Kellerlicht.

Nicht das schmale Grau durch die Luke.

Krankenhauslicht.

Es machte keinen Unterschied zwischen Dingen, die man sehen wollte, und Dingen, die man verstecken musste.

Es zeigte meine Hände.

Meine Lippen.

Die Kanüle.

Die Decke.

Die Verbände.

Die Bissstellen an meinen Beinen, rot und geschwollen, aber abgedeckt, als wollte jemand endlich wieder eine Grenze ziehen.

Eine Krankenschwester stand neben mir.

Sie hielt ein Klemmbrett.

Am Rand des Bettes hing eine Patientenakte.

Ich sah meinen Namen darauf und weinte, weil mein Name noch existierte.

Der Arzt kam kurz danach.

Er sprach ruhig.

Er setzte sich nicht auf mein Bett.

Er blieb in einem Abstand, der respektvoll war.

Ich merkte das sofort.

Nach dem Keller fühlte sich Abstand wie Würde an.

Er sagte, ich sei gefunden worden.

Er sagte, ein Notruf sei eingegangen.

Er sagte, mein Kreislauf sei zusammengebrochen.

Ich fragte nicht, wer angerufen hatte.

Ich fragte nur nach dem Baby.

Da veränderte sich sein Gesicht.

Das war Antwort genug.

Trotzdem sagte er es.

Vielleicht, weil Menschen in Krankenhäusern nicht mit Andeutungen arbeiten dürfen.

Vielleicht, weil Wahrheit manchmal das Einzige ist, was übrig bleibt.

„Es tut mir leid“, sagte er. „Wir konnten Ihr Baby nicht retten.“

Ich hörte die Worte.

Sie kamen an.

Aber sie fanden keinen Platz in mir.

Alles war schon voll.

Voll Hunger.

Voll Beton.

Voll Schritten auf Treppen.

Voll dem Klang eines Schlüssels, der von außen gedreht wurde.

Ich drehte den Kopf zur Seite.

Dort stand eine Uhr.

Der Sekundenzeiger bewegte sich weiter.

Das empfand ich als Beleidigung.

Wie konnte Zeit weitergehen, wenn mein Kind es nicht tat?

Die Krankenschwester legte etwas auf den Nachttisch.

Eine kleine Plastikschale mit meinen Sachen.

Ein Haargummi.

Ein Fetzen Stoff.

Keine Tasche.

Kein Ausweis.

Keine Mappe.

Keine Arztkarte.

Ich wollte fragen, wo alles war, doch dann hörte ich die Stimme vor dem Vorhang.

Ich wusste sofort, wem sie gehörte.

Mein Körper wusste es schneller als mein Kopf.

Die Monitore neben mir veränderten ihren Ton.

Die Krankenschwester sah auf.

Draußen sagte jemand, dass Besucher warten müssten.

Meine Schwiegermutter antwortete laut genug, dass jedes Bett auf der Station es hören konnte.

„Ich bin ihre Familie. Sie gehört zu uns. Sie können sie mir nicht verweigern.“

Gehört.

Nicht: Wir machen uns Sorgen.

Nicht: Wie geht es ihr?

Nicht: Darf ich sie sehen?

Sie gehört.

Der Arzt trat zur Tür.

Die Krankenschwester blieb bei mir.

Ich sah, wie ihre Finger am Klemmbrett fester wurden.

Draußen ging es weiter.

Meine Schwiegermutter sprach mit dieser kontrollierten Empörung, die sie immer benutzte, wenn jemand ihre Ordnung störte.

„Sie ist verwirrt“, sagte sie. „Mein Sohn wartet. Wir nehmen sie mit nach Hause.“

Nach Hause.

Das Wort traf mich stärker als die Diagnose.

Ich sah wieder die Kellertreppe.

Den Eimer.

Die Ratte an der Kiste.

Die Pfandflasche in meiner Hand.

Die Tür.

Mein Atem wurde kurz.

Die Krankenschwester beugte sich zu mir.

„Hören Sie mich?“ fragte sie.

Ich nickte kaum.

Sie sprach mich mit Sie an.

Nicht kalt.

Nicht fern.

Sondern wie jemand, der mir mein Erwachsensein zurückgab.

„Möchten Sie, dass diese Frau hereinkommt?“

Ich versuchte, Nein zu sagen.

Es kam kein Ton.

Vor dem Vorhang wurde Stoff bewegt.

Meine Schwiegermutter schob sich halb hinein.

Sie hatte ihre Handtasche über dem Arm.

Ihr Haar war ordentlich.

Ihre Fingernägel waren sauber.

Sie sah nicht aus wie jemand, der eine Frau in einem Keller hatte liegen lassen.

Das war das Schrecklichste an ihr.

Sie sah aus wie jemand, dem man im Hausflur Platz macht.

„Da bist du ja“, sagte sie.

Ihr Gesicht war zu weich.

Zu vorbereitet.

„Du hast uns alle erschreckt.“

Ich starrte sie an.

Sie lächelte nicht ganz, aber fast.

Dann wandte sie sich an die Krankenschwester.

„Sie sieht, dass ich da bin. Jetzt ist gut. Wir kümmern uns um unsere Angelegenheiten selbst.“

Die Krankenschwester bewegte sich nicht von meinem Bett weg.

„Treten Sie bitte zurück.“

Meine Schwiegermutter blinzelte.

Nicht aus Angst.

Aus Beleidigung.

„Entschuldigung?“

„Treten Sie zurück.“

Es war kein lauter Satz.

Er füllte den Raum trotzdem.

Klartext muss nicht schreien.

Draußen hörte ich Schritte.

Jemand kam näher.

Mein Mann.

Ich wusste es an der Pause vor dem Vorhang.

Er hatte immer diese kleine Pause, bevor er einen Raum betrat, als prüfe er, welche Rolle von ihm erwartet wurde.

Meine Schwiegermutter zog ein Papier aus ihrer Tasche.

„Ich habe Unterlagen“, sagte sie. „Hier. Sie hat unterschrieben. Sie will nach Hause.“

Die Krankenschwester sah nicht auf das Papier.

Sie sah mich an.

Das rettete mich.

Nicht die Medizin.

Nicht die Akte.

Nicht die weißen Wände.

Sondern diese eine einfache Weigerung, zuerst der Frau mit dem Papier zu glauben.

Meine Hand lag auf dem Laken.

Ich hob sie.

Es dauerte lange.

Oder es fühlte sich so an.

Meine Finger zitterten.

Die Krankenschwester kam sofort näher.

Ich griff nach ihrem Handgelenk.

Sie ließ es zu.

Ich spürte Wärme.

Echte Haut.

Einen Puls.

Draußen sagte mein Mann leise: „Mutter, lass mich.“

Meine Schwiegermutter zischte: „Nicht jetzt.“

Die Krankenschwester beugte sich zu mir.

„Sagen Sie es mir“, flüsterte sie.

Ich öffnete den Mund.

Kein Ton kam heraus.

Ich sammelte alles, was im Keller nicht gestorben war.

Die Wut.

Die Angst.

Den Namen meines Kindes, den ich niemandem gesagt hatte.

Die Uhrenschläge.

Die Krallen auf Karton.

Den Schlüssel im Schloss.

Dann brachte ich den Satz hervor.

So leise, dass nur sie ihn hören konnte.

„Wenn Sie mich mit ihr gehen lassen, bringt sie mich zurück in den Keller.“

Die Krankenschwester blieb einen Atemzug lang vollkommen still.

Dann richtete sie sich auf.

Ihr Gesicht veränderte sich nicht dramatisch.

Es wurde nur klarer.

Als hätte jemand eine Linie gezogen.

Sie stellte sich zwischen mich und den Vorhang.

„Sie verlassen jetzt den Bereich“, sagte sie.

Meine Schwiegermutter lachte kurz.

„Was hat sie Ihnen erzählt?“

Die Krankenschwester drückte auf einen Knopf neben dem Bett.

Nicht hektisch.

Nicht panisch.

Gezielt.

„Ich brauche Unterstützung auf der Station“, sagte sie.

Der Arzt drehte sich zu ihr.

Sie sah ihn an und sagte nur: „Türen sichern.“

Da fiel die Maske meiner Schwiegermutter zum ersten Mal.

Nicht ganz.

Nur für einen Moment.

Aber ich sah es.

Der Mund wurde schmal.

Die Augen hart.

Der Raum, den sie eben noch beherrschen wollte, gehörte ihr nicht mehr.

Sie hielt das Papier fester.

„Das ist lächerlich“, sagte sie. „Sie ist krank. Sie fantasiert.“

Die Krankenschwester streckte die Hand aus.

„Dann geben Sie dem Arzt bitte das Dokument.“

Meine Schwiegermutter gab es nicht her.

Das war der zweite Fehler.

Der erste war, überhaupt gekommen zu sein.

Hinter ihr tauchte mein Mann auf.

Er sah mich nicht sofort an.

Er sah die Krankenschwester an.

Dann den Arzt.

Dann das Papier in der Hand seiner Mutter.

Er wirkte nicht wie ein Mann, der seine Frau suchte.

Er wirkte wie ein Mann, der prüft, wie viel schon bekannt ist.

Ich hatte ihn geliebt.

Dieser Gedanke kam unerwartet und grausam.

Ich hatte ihn wirklich geliebt.

Nicht blind.

Nicht aus Not.

Ich hatte ihm vertraut, weil er leise war, weil er geduldig wirkte, weil er mir bei unserem ersten gemeinsamen Einkauf die schweren Flaschen abgenommen hatte und sagte, ich solle mich nicht überanstrengen.

Ich hatte in diesen kleinen Gesten eine Zukunft gesehen.

Jetzt stand er im Krankenhausflur, während unser Kind tot war, und fragte nicht einmal nach ihm.

Der Arzt nahm das Papier schließlich selbst entgegen.

Er las.

Seine Stirn bewegte sich kaum.

Dann sah er zu mir.

„Ist das Ihre Unterschrift?“

Ich schüttelte den Kopf.

Meine Schwiegermutter sprach sofort darüber hinweg.

„Sie weiß doch gar nicht, was sie sagt.“

Der Arzt sah sie an.

„Ich habe die Patientin gefragt.“

Es war ein ruhiger Satz.

Er traf sie hart.

Mein Mann griff nach dem Schlüsselbund in seiner Tasche.

Vielleicht aus Gewohnheit.

Vielleicht, weil er etwas in der Hand brauchte.

Vielleicht, weil Schlüssel für ihn immer bedeutet hatten, dass er entscheiden konnte, welche Tür offen blieb.

Dann fiel ihm der Bund aus den Fingern.

Er schlug auf den Boden.

Metall auf Krankenhausfliesen.

Hell.

Endgültig.

Alle sahen hin.

An dem Bund hing ein kleiner dunkler Schlüssel.

Ich kannte seine Form.

Mein Körper kannte ihn.

Die Krankenschwester sah den Schlüssel, dann mich.

Ich musste nichts sagen.

Mein Mann wurde blass.

Meine Schwiegermutter drehte sich langsam zu ihm.

Sie sagte seinen Namen nicht.

Sie sagte nur: „Heb ihn auf.“

Er tat es nicht.

Zum ersten Mal gehorchte er ihr nicht sofort.

Sein Blick klebte an meinem Gesicht.

Vielleicht sah er da, was er getan hatte.

Vielleicht sah er nur, dass es Zeugen gab.

Beides ist nicht dasselbe.

Die Stationsmitarbeiter kamen.

Eine zweite Pflegekraft.

Ein Mann vom Sicherheitsdienst.

Niemand rannte.

Niemand schrie.

Gerade diese Ordnung machte es real.

Ein Vorhang wurde ganz zugezogen.

Eine Tür wurde geschlossen.

Auf dem Flur bat jemand die beiden, zurückzutreten.

Meine Schwiegermutter protestierte.

Natürlich protestierte sie.

Sie sprach von Familie, von Missverständnis, von Überforderung, von dem Recht, sich zu kümmern.

Dann sagte sie einen Satz, der alles verriet.

„Sie weiß doch gar nicht mehr, wie lange sie unten war.“

Stille.

Nicht die leere Stille des Kellers.

Eine andere.

Eine Stille, in der alle verstanden, dass ein Mensch gerade zu viel gesagt hatte.

Der Arzt hob den Blick.

Die Krankenschwester trat einen Schritt näher an mein Bett.

Mein Mann schloss die Augen.

Und ich lag da, zu schwach, um mich aufzusetzen, aber zum ersten Mal seit Tagen nicht mehr eingeschlossen.

Denn die Tür, die sich gerade verriegelte, verriegelte sich nicht gegen mich.

Sie verriegelte sich gegen sie.

Später würde es Fragen geben.

Viele Fragen.

Wer den Notruf ausgelöst hatte.

Wie ich aus dem Keller herausgekommen war.

Warum mein Ausweis in ihrer Tasche gewesen war.

Warum auf dem Papier eine Unterschrift stand, die nicht meine war.

Warum mein Mann den Schlüssel bei sich trug.

Warum niemand in diesem Haus mein Fehlen gemeldet hatte.

Aber in diesem ersten Moment gab es nur die Krankenschwester, die an meinem Bett blieb.

Sie legte das Klemmbrett ab.

Sie nahm nicht meine Hand, ohne zu fragen.

Sie sagte: „Darf ich?“

Ich nickte.

Dann hielt sie meine Hand so vorsichtig, als wäre sie ein Dokument, das nicht noch einmal beschädigt werden durfte.

Draußen wurde meine Schwiegermutter leiser.

Das hatte ich noch nie gehört.

Nicht wirklich.

Ihre Stimme verlor die Schärfe, als sie merkte, dass Schärfe nicht mehr reichte.

Mein Mann sagte etwas, das ich nicht verstand.

Vielleicht eine Entschuldigung.

Vielleicht eine Ausrede.

Der Unterschied spielte in diesem Augenblick keine Rolle.

Ich sah auf die Uhr.

Der Sekundenzeiger bewegte sich weiter.

Diesmal hasste ich ihn nicht.

Zeit ging weiter.

Nicht weil mein Schmerz klein war.

Sondern weil ich noch da war.

Die Krankenschwester folgte meinem Blick.

„Sie sind hier sicher“, sagte sie.

Ich wollte ihr glauben.

Ein Teil von mir tat es schon.

Ein anderer Teil wartete noch immer auf Schritte auf einer Treppe.

Auf den Schlüssel.

Auf die Stimme von oben.

Dann klopfte es an die geschlossene Stationstür.

Ein Mitarbeiter trat herein und sprach leise mit dem Arzt.

Der Arzt sah zuerst zu mir.

Dann zu der Krankenschwester.

Dann zu dem Schlüsselbund auf dem Tablett.

Sein Gesicht wurde ernst.

„Im Haus“, sagte er langsam, „wurde noch etwas gefunden.“

Die Krankenschwester drückte meine Hand fester.

Und zum ersten Mal hatte ich Angst vor dem, was nicht im Keller geblieben war.

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