Ich hatte mir die Rückkehr so oft vorgestellt, dass sie in meinem Kopf schon wie eine Erinnerung klang.
Noch bevor das Flugzeug landete, glaubte ich, den Geruch unseres Flurs wiederzuerkennen.
Waschmittel.

Holz.
Ein Rest Kaffee, der morgens zu lange auf der Maschine gestanden hatte.
Ich stellte mir vor, wie Jason am Gepäckband auf mich wartete.
Ich sah sein halbes Lächeln vor mir, dieses kleine Kopfschütteln, mit dem er immer tat, als wäre meine Art zu packen ein persönliches Rätsel.
„Du hast die Stiefel wieder falsch herum reingestopft“, hätte er gesagt.
Dann hätte er mich umarmt.
Nicht kurz.
Nicht vorsichtig.
Sondern so, dass die acht Monate endlich aus meinem Körper fielen.
Acht Monate im Ausland machen etwas mit einem Menschen.
Man lernt, in fremden Betten sofort wach zu sein.
Man lernt, Geräusche nach Gefahr und Alltag zu sortieren.
Man lernt, Nachrichten von zu Hause wie kleine Rettungsringe zu lesen, auch wenn sie nur aus zwei Sätzen bestehen.
Jason hatte geschrieben, dass alles in Ordnung sei.
Nicht warm.
Nicht besonders liebevoll.
Aber ordentlich genug, dass ich es glauben wollte.
Die Rechnungen seien bezahlt.
Das Haus stehe noch.
Er kümmere sich.
Ich hatte jeden Monat überwiesen, was ich konnte.
Die Hälfte meines Gefahrengeldes ging in die Raten, die Reparaturen, die Versicherungen, die Dinge, die ein gemeinsames Leben zusammenhalten, selbst wenn einer von beiden weit weg ist.
Mein Vater hatte immer gesagt, ein Haus sei nicht nur ein Dach.
Es sei ein Versprechen, das man jeden Monat neu einlöse.
Als der Fahrer vor unserem Haus langsamer wurde, saß ich mit beiden Händen auf den Knien da und hielt mich an diesem Gedanken fest.
Dann fragte er: „Sind Sie sicher, dass das die richtige Adresse ist?“
Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, warum er fragte.
Das Haus sah nicht anders aus.
Der kleine Weg war gekehrt.
Die Fenster waren sauber.
Die Außenlampe brannte, obwohl es erst vier Uhr nachmittags war.
Alles wirkte ordentlich.
Fast zu ordentlich.
Dann sah ich meinen Koffer.
Mein blauer Koffer stand aufrecht neben der Treppe.
Die Reisetasche lag darunter, halb eingeknickt, als hätte jemand sie hastig abgestellt und dann doch noch zurechtgerückt.
Mein Wintermantel lag obenauf, sauber gefaltet.
Diese Falte traf mich härter als Unordnung es getan hätte.
Jemand hatte sich Zeit genommen.
Jemand hatte meine Sachen nicht hinausgeworfen, sondern vorgeführt.
Wie eine Entscheidung.
Wie einen Vorgang.
Wie etwas, das bereits abgeschlossen war, bevor ich überhaupt ankam.
Ich bezahlte den Fahrer, obwohl meine Finger nicht richtig funktionierten.
Er half mir nicht aus dem Wagen.
Vielleicht spürte er, dass das hier kein normaler Heimweg war.
Vielleicht wollte er nicht Zeuge werden.
Als der Wagen wegfuhr, hörte ich zum ersten Mal die Stille vor dem Haus.
Kein Lachen.
Keine Schritte im Flur.
Kein Schlüssel, der hastig gedreht wurde.
Nur das leise Summen der Außenlampe und mein Atem, zu flach für jemanden, der endlich zu Hause sein sollte.
Dann sah ich das neue Schloss.
Es saß glänzend in der Tür, frisch eingebaut, mit einer Kante, die noch nicht von Händen abgestumpft war.
Ich kannte jede Schraube an dieser Tür.
Ich hatte sie gestrichen, als wir einzogen.
Ich hatte den Kratzer unten links verursacht, weil mir einmal ein Einkaufskorb dagegengefallen war.
Dieses Schloss kannte ich nicht.
Erst danach sah ich Jason.
Er stand hinter dem schmalen Glas neben der Tür.
Sein Gesicht war ruhig.
Zu ruhig.
Seine Haare waren frisch geschnitten.
Sein Hemd war gebügelt.
Er sah aus wie jemand, der pünktlich zu einem Termin erschienen war, den nur er selbst angesetzt hatte.
Für einen absurden Moment dachte ich, er müsse gleich die Tür öffnen und alles erklären.
Vielleicht eine Reparatur.
Vielleicht ein Streit, schlecht vorbereitet und noch zu retten.
Vielleicht irgendetwas, das man an einem Küchentisch klären konnte, mit Sprudel, mit Abendbrot, mit dieser direkten Art, bei der man Klartext redet und danach weiß, woran man ist.
Ich hob die Hand und klopfte einmal.
Nicht laut.
Nicht wütend.
Nur einmal.
Jason öffnete nicht.
Stattdessen schob er den Briefschlitz hoch.
Zwei Finger.
Eine langsame Bewegung.
Dann drückte er einen Stapel Papiere hindurch, bis sich die obere Seite in der kalten Luft bog.
„Du warst acht Monate weg“, sagte er.
Seine Stimme klang, als hätte er sie vorher geübt.
„Das Haus hat nicht auf dich gewartet.“
Ich nahm die Papiere nicht sofort.
Ich sah erst auf seine Hand.
Kein Zittern.
Kein Zögern.
Dann nahm ich den Stapel und legte ihn auf meinen Koffer, weil meine Knie plötzlich zu leicht wurden.
Die erste Zeile war so trocken, dass sie fast harmlos wirkte.
Verzichtserklärung des Ehepartners.
Dann kamen die Wörter, die darunter lagen wie Messer in einer Schublade.
Aufgabe des gemeinsamen Wohnsitzes.
Freiwillige Übertragung des Eigentumsanteils.
Kein weiterer Anspruch.
Mein Name stand unter einer leeren Linie.
Mara.
Gedruckt.
Sauber.
Bereit für meine Unterschrift.
Darunter stand, dass ich bestätigte, das Haus verlassen zu haben.
Nicht vorübergehend.
Nicht dienstlich.
Nicht unter Umständen, die jeder in unserem Leben kannte.
Verlassen.
Als wäre ich morgens gegangen und hätte beschlossen, nie wiederzukommen.
Als hätte ich nicht jeden Monat bezahlt.
Als hätte ich nicht nachts auf einem harten Bett gelegen und mir vorgestellt, wie das Licht in unserer Küche aussieht.
Als hätte meine Abwesenheit ihm das Recht gegeben, mein Leben neu zu sortieren.
„Unterschreib“, sagte Jason.
Ich sah langsam hoch.
Er stand immer noch hinter der Tür.
Nicht davor.
Nicht neben mir.
Hinter Glas, hinter Metall, hinter einem neuen Schloss.
„Oder schlaf in deiner Uniform.“
Das war der Satz, der alles veränderte.
Nicht, weil er grausam war.
Grausamkeit hatte ich in den acht Monaten genug gesehen, um sie zu erkennen.
Sondern weil er klein war.
Er wollte nicht nur das Haus.
Er wollte, dass ich vor der Tür stand und verstand, dass selbst meine Müdigkeit ihm gehörte.
Ich weinte nicht.
Später fragte ich mich oft, warum nicht.
Vielleicht war ich zu müde.
Vielleicht war der Körper klüger als das Herz.
Vielleicht wusste ein Teil von mir, dass Tränen ihm genau die Szene gegeben hätten, auf die er gewartet hatte.
Jason hatte Schweigen immer schlechter ertragen als Streit.
Bei Streit konnte er laut werden.
Bei Tränen konnte er sich als der Vernünftige darstellen.
Aber Schweigen zwang ihn, sich selbst zu hören.
Ich faltete die oberste Seite einmal zusammen.
Sauber an der Kante.
Mein Vater hätte das bemerkt.
Ordnung, hatte er immer gesagt, ist nicht das Gegenteil von Gefühl.
Manchmal ist sie das Einzige, was Gefühl überleben lässt.
Ich legte das Papier auf meinen Koffer und fragte: „Wo ist der Brief vom Anwalt meines Vaters?“
Zum ersten Mal bewegte sich etwas in Jasons Gesicht.
Es war noch keine Angst.
Dafür war er zu geübt.
Es war Rechnen.
Sein Blick sprang kurz zur Seite, über seine Schulter hinweg, ins Wohnzimmer.
Durch das Glas sah ich den kleinen Tisch im Flur.
Dort, wo früher unsere Schlüssel lagen, stand eine fremde Damenhandtasche.
Schwarz.
Glänzend.
Ordentlich abgestellt.
Nicht versteckt.
Nicht zufällig.
Ich kannte diese Tasche nicht.
Ich kannte aber die Art, wie Jason sie nicht ansah.
„Dein Vater hat vor seinem Tod vieles geschrieben“, sagte er.
Er sprach jetzt schneller.
Nur ein wenig.
„Das meiste davon spielt keine Rolle mehr.“
Mein Vater war vor sechs Wochen gestorben.
Ich hatte die Nachricht auf einem Flur bekommen, in dem es nach Desinfektionsmittel und Staub roch.
Ich hatte mich damals an die Wand gelehnt und versucht, nicht zu rutschen.
Jason hatte am Telefon gesagt, ich solle nicht darüber nachdenken, was ich nicht ändern könne.
Er würde sich um alles kümmern.
Er würde die Post sortieren.
Er würde Termine im Blick behalten.
Er würde mir schreiben, wenn etwas Wichtiges komme.
Damals hatte ich ihm geglaubt, weil Vertrauen manchmal nicht groß und warm ist, sondern einfach die Entscheidung, nicht noch eine Sorge in den Rucksack zu packen.
Jetzt stand ich vor meinem Haus und begriff, dass er in diesen sechs Wochen nicht getrauert hatte.
Er hatte geplant.
Niemand hatte mir gesagt, dass ein Anwalt angerufen hatte.
Niemand hatte mir ein Einschreiben weitergeleitet.
Niemand hatte erwähnt, dass mein Vater vor seinem Tod noch etwas geregelt hatte.
Während ich Tage im Kalender abgestrichen hatte, bis ich sein Grab besuchen konnte, hatte Jason offenbar Tage gezählt, bis meine Unterschrift billig genug aussehen würde.
Eine Tür ging nebenan auf.
Das Geräusch war klein, aber in dieser Stille klang es wie ein Urteil.
Mrs. Alvarez trat auf ihre Veranda.
Sie trug eine Strickjacke, die sie vorne mit einer Hand zusammenhielt.
In der anderen Hand hatte sie ihr Telefon.
Sie filmte nicht.
Sie hielt es nur so fest, wie man etwas festhält, wenn man nicht sicher ist, ob man später beweisen muss, was man gesehen hat.
„Mara“, sagte sie.
Ihre Stimme war leise.
Aber Jason hörte sie sofort.
„Dein Vater hat auch bei mir etwas hinterlegt.“
Jasons Kiefer spannte sich.
Es war eine winzige Bewegung.
Aber ich hatte acht Monate lang gelernt, winzige Bewegungen zu beachten.
Ich drehte mich zu ihr um.
Mrs. Alvarez ging über den Rasen.
Langsam.
Nicht aus Schwäche, sondern weil sie niemandem den Vorwand geben wollte, sie sei hysterisch.
Sie hielt einen Umschlag flach gegen ihre Strickjacke gedrückt.
Auf der Vorderseite stand mein Name.
Die Handschrift meines Vaters war zitterig geworden, seit seine Hände schlechter funktionierten.
Aber ich hätte sie unter hundert anderen erkannt.
Unter meinem Namen stand ein Satz.
Öffne das, bevor du irgendetwas unterschreibst.
Hinter mir klickte das Schloss.
Jason öffnete die Tür.
Nicht ganz.
Nur so weit, dass die Sicherheitskette sich spannte.
Der Spalt war schmal genug, um mich draußen zu halten, aber breit genug, um mir zu zeigen, dass er die Kontrolle behalten wollte.
„Gib ihr das nicht“, sagte er zu Mrs. Alvarez.
Sie sah ihn an.
Nicht wütend.
Nicht laut.
Nur direkt.
„Sie ist erwachsen“, sagte sie. „Und es ist an sie adressiert.“
Das war Klartext.
Kein Drama.
Kein Zittern.
Nur ein Satz, der genau dort landete, wo Jason keine Antwort vorbereitet hatte.
Dann erschien hinter ihm seine Mutter.
Sie stand in meiner Küche.
In meiner Küche.
Sie trug den cremefarbenen Pullover, den ich ihr zu Weihnachten gekauft hatte.
Ich erinnerte mich an den Abend, an dem sie ihn ausgepackt hatte.
Sie hatte die Maschen zwischen zwei Fingern geprüft und gesagt, er sei praktisch, warm und nicht zu auffällig.
Von ihr war das fast ein Kompliment gewesen.
Jetzt stand sie darin hinter meinem Mann, die Hände ineinandergelegt, als sei auch sie Teil dieser neuen Ordnung.
„Jason“, flüsterte sie.
Dann lauter, so dass ich es hören sollte.
„Lass sie diesen Umschlag nicht anfassen.“
Da wusste ich, dass nicht nur Jason Angst hatte.
Ich nahm den Umschlag trotzdem.
Mrs. Alvarez gab ihn mir ohne großes Zeichen.
Unsere Finger berührten sich kaum.
Diese kleine Distanz machte mich seltsam dankbar.
Niemand zog mich an sich.
Niemand tat so, als könne eine Umarmung ersetzen, was vor dieser Tür lag.
Sie gab mir nur das, was mir gehörte.
Meine Hände waren ruhig, bis ich das Gewicht fühlte.
Mehr als ein Brief.
Weniger als ein Buch.
Etwas Hartes stieß innen gegen das Papier.
Jason atmete hörbar aus.
„Mara“, sagte er.
Zum ersten Mal seit meiner Ankunft klang mein Name in seinem Mund nicht wie ein Besitzanspruch, sondern wie ein Fehler, der ihm unterlaufen war.
Ich riss den Umschlag nicht auf.
Ich löste die Kante langsam.
Nicht, weil ich Zeit gewinnen wollte.
Sondern weil mein Vater in seinem ganzen Leben nie etwas Wichtiges unordentlich geöffnet hatte.
Er hatte Rechnungen gelocht.
Briefe sortiert.
Schlüssel beschriftet.
Termine zehn Minuten früher wahrgenommen, weil Pünktlichkeit für ihn keine deutsche Tugend war, mit der man angab, sondern Respekt vor der Zeit anderer Menschen.
Wenn dieser Umschlag seine letzte Handlung für mich war, wollte ich ihn nicht zerreißen.
Drinnen lag eine gefaltete Seite.
Darunter eine Kopie eines Eintragungsbelegs.
Unten war ein kleiner Messingschlüssel mit blauem Malerkrepp befestigt.
Der Schlüssel war alt.
Nicht zu meinem Haus.
Zu etwas anderem.
Ich sah auf die erste Zeile des Briefes.
Wenn Jason dich jemals aussperrt, geh zuerst an die Schublade in meinem alten Schreibtisch, bevor du in ein Hotel gehst.
Ich las den Satz zweimal.
Beim ersten Mal verstand ich die Wörter.
Beim zweiten Mal verstand ich meinen Vater.
Er hatte es gewusst.
Vielleicht nicht alles.
Vielleicht nicht die fremde Tasche.
Vielleicht nicht den neuen Riegel, den Jason eingebaut hatte.
Aber genug.
Genug, um vor seinem Tod einen Plan zu hinterlassen.
Genug, um mir nicht Trost zu geben, sondern eine Reihenfolge.
Nicht weinen.
Nicht unterschreiben.
Nicht in ein Hotel gehen.
Zum Schreibtisch.
Zur Schublade.
Zum Original.
Jason sah nicht mehr mich an.
Sein Blick klebte an dem gefalteten Eintragungsbeleg in meiner Hand.
Sein Gesicht verlor Farbe.
Nicht auf einmal.
Langsam.
Wie Wasser, das aus einem Becken abläuft.
Seine Mutter trat hinter ihm einen halben Schritt zurück.
Ich hörte das leise Schaben ihrer Schuhe über die Küchenfliesen.
Mrs. Alvarez stand neben mir, das Telefon noch immer in der Hand.
Der Fahrer war weg.
Die Straße war ruhig.
Die Außenlampe summte weiter, als ginge sie das alles nichts an.
„Was ist in der Schublade?“ fragte ich.
Jason antwortete nicht.
Das war Antwort genug.
Ich faltete den Brief wieder zusammen, aber den Schlüssel ließ ich sichtbar zwischen zwei Fingern.
Er war klein.
Ein ganz gewöhnlicher Messingschlüssel.
Aber Jason sah ihn an, als hielte ich eine geladene Waffe.
„Du kommst hier nicht rein“, sagte er.
Seine Stimme sollte hart klingen.
Sie brach am Ende.
Ich sah auf die Kette.
Dann auf das neue Schloss.
Dann auf die Papiere auf meinem Koffer.
„Das ist nicht dein Satz“, sagte ich.
Ich sagte es ruhig.
Nicht laut.
Nicht theatralisch.
Nur so, dass jeder auf der Veranda es hörte.
„Nicht, solange du Angst vor einem Brief hast.“
Jason griff nach dem Stapel auf meinem Koffer.
Zu schnell.
Zu unüberlegt.
Ich zog die Papiere weg.
Mrs. Alvarez hob sofort ihr Telefon.
Jetzt filmte sie.
Jason erstarrte.
Für einen Moment standen wir alle wie in einem eingefrorenen Bild.
Ich draußen mit Uniform, Koffer und dem letzten Brief meines Vaters.
Jason drinnen hinter einer Tür, die ihn schützen sollte und ihn plötzlich wie einen Täter aussehen ließ.
Seine Mutter in meinem Küchenrahmen, in meinem Geschenk, mit einem Gesicht, das zeigte, dass sie mehr wusste, als sie je zugeben würde.
Und auf meinem Koffer lag diese Verzichtserklärung, die mich ausradieren sollte.
Ein Haus kann sehr still werden, wenn die Wahrheit vor der Tür steht.
Ich steckte den Brief in die Innentasche meiner Jacke.
Den Schlüssel behielt ich in der Hand.
„Ich fahre zu Dads Schreibtisch“, sagte ich.
Jason schüttelte den Kopf.
„Das wirst du nicht.“
Jetzt sprach er zu schnell.
„Du bist müde. Du denkst nicht klar. Gib mir das, wir regeln das morgen. Nach Feierabend. In Ruhe.“
Das Wort Ruhe klang lächerlich aus seinem Mund.
Er hatte meine Sachen vor die Tür gestellt.
Er hatte mir eine Verzichtserklärung durch den Briefschlitz geschoben.
Er hatte meinen Vater für unwichtig erklärt.
Und nun wollte er einen Termin.
Ich lachte nicht.
Dafür war zu viel kaputt.
Aber ich verstand plötzlich, warum mein Vater mir keinen langen Abschiedsbrief geschrieben hatte.
Er kannte Jason.
Er wusste, dass Jason jedes Gefühl gegen mich verwenden würde.
Also hatte er mir keinen Trost hinterlassen.
Er hatte mir Beweise hinterlassen.
Ich hob meinen Koffergriff.
Der Griff klemmte, wie immer.
Acht Monate lang hatte ich mich über dieses billige Teil geärgert.
Jetzt war ich dankbar für den Widerstand, weil er mir eine Sekunde gab, nicht zu schwanken.
Mrs. Alvarez legte ihre freie Hand nicht auf meine Schulter.
Sie blieb auf Abstand.
Aber sie sagte: „Ich fahre dich.“
Jason machte die Tür so weit auf, wie die Kette es zuließ.
„Sie fährt nirgendwohin.“
Da hörte ich hinter ihm ein Geräusch.
Ein leises Rutschen.
Dann ein dumpfer Schlag.
Seine Mutter hatte sich an der Küchenzarge festhalten wollen.
Ihre Hand glitt ab.
Sie sank langsam gegen den Türrahmen, nicht dramatisch, nicht schreiend, sondern mit einer Erschöpfung, die plötzlich älter wirkte als ihr Gesicht.
Jason drehte sich zu ihr um.
Für einen Augenblick vergaß er die Kette.
Er vergaß mich.
Er vergaß den Umschlag.
Und genau in diesem Augenblick sah ich den Flur hinter ihm.
Der kleine Tisch stand offen.
Nicht nur die Schlüsselschale.
Auch die untere Schublade war halb herausgezogen.
Aus ihr ragte eine braune Mappe.
Auf dem Rücken klebte ein Streifen blaues Malerkrepp.
Dieselbe Farbe wie an dem Schlüssel.
Darauf stand in der Handschrift meines Vaters ein einziges Wort.
Originale.
Ich machte einen Schritt zur Tür.
Jason sah meinen Blick.
Er folgte ihm.
Dann verstand er.
Sein Gesicht wurde nicht mehr blass.
Es wurde leer.
Er schlug die Tür zu.
Die Kette rasselte.
Das neue Schloss griff.
Aber diesmal wusste ich, dass er nicht abgeschlossen hatte, um mich draußen zu halten.
Er hatte abgeschlossen, weil sich drinnen etwas befand, das ihm gefährlicher war als ich.
Ich stand mit dem Schlüssel meines Vaters in der Hand vor der Tür und hörte, wie Jason im Flur hastig gegen eine Schublade stieß.
Papier raschelte.
Seine Mutter sagte seinen Namen.
Nicht warnend.
Bettelnd.
Ich sah Mrs. Alvarez an.
Sie hielt ihr Telefon hoch.
Die Aufnahme lief.
„Mara“, sagte sie, „sag klar, was gerade passiert.“
Also sah ich direkt in die Linse.
Meine Stimme war ruhig.
Ruhiger, als ich mich fühlte.
„Mein Mann hat mich nach acht Monaten Dienst ausgesperrt“, sagte ich. „Er will, dass ich meinen Anteil am Haus unterschreibe. Und jetzt versucht er offenbar, Unterlagen zu verstecken, die mein Vater mir hinterlassen hat.“
Hinter der Tür wurde es still.
Nicht friedlich still.
Ertappt still.
Dann hörte ich Jason sehr leise fluchen.
Ich dachte an meinen Vater, an seine ruhigen Hände, an die Art, wie er immer zuerst den Beleg las und erst dann sprach.
Ich dachte an den Satz, den er mir einmal nach einem Streit mit Jason gesagt hatte.
Wer dich liebt, muss nicht gewinnen, wenn du müde bist.
Damals hatte ich ihn zu hart gefunden.
Heute verstand ich, dass er nur früher gesehen hatte, was ich aus Liebe übersehen hatte.
Ich nahm die Verzichtserklärung von meinem Koffer.
Ich hielt sie hoch, so dass die Kamera sie sehen konnte.
Dann faltete ich sie ein zweites Mal.
Nicht zerrissen.
Nicht zerstört.
Nur zusammengelegt, wie etwas, das später als Beweis gebraucht werden würde.
Jason öffnete die Tür wieder.
Diesmal nur einen Spalt.
Sein Atem ging schnell.
In seiner Hand hielt er die braune Mappe.
Aber sie war nicht geschlossen.
Eine Ecke Papier ragte heraus.
Darauf sah ich meinen Namen.
Und darunter eine Zeile, die ich in meinem Leben noch nie gelesen hatte.
Nicht auf einem Formular.
Nicht in einer E-Mail.
Nicht in einem Brief.
Es war eine Zeile, die mein Vater offenbar vor Monaten hatte eintragen lassen.
Jason sah, dass ich sie sah.
Sein Mund öffnete sich.
Zum ersten Mal hatte er keinen Satz bereit.
Mrs. Alvarez trat neben mich.
Das Telefon blieb oben.
„Jetzt“, sagte sie leise, „redet er nicht mehr durch den Briefschlitz.“
Jason presste die Mappe an seine Brust.
Seine Mutter stützte sich im Hintergrund am Türrahmen ab und weinte lautlos.
Die fremde Handtasche lag noch immer auf dem Tisch.
Meine Koffer standen noch immer auf der Treppe.
Die Außenlampe brannte noch immer um vier Uhr nachmittags.
Alles war genau wie vor wenigen Minuten.
Und doch war nichts mehr so, wie Jason es geplant hatte.
Ich streckte die Hand aus.
Nicht nach ihm.
Nach der Mappe.
„Gib sie mir“, sagte ich.
Jason schüttelte den Kopf.
Dann hörten wir alle ein zweites Geräusch.
Nicht aus dem Haus.
Von der Straße.
Ein Auto hielt am Bordstein.
Eine Tür fiel zu.
Schritte kamen den Weg herauf.
Jemand blieb hinter mir stehen.
Und eine Männerstimme sagte: „Mara? Ich bin wegen des Briefes Ihres Vaters hier.“