Gideon hielt Iris’ verletzten Blick fest und sagte mit einer Ruhe, die keinen Widerspruch duldete, dass von diesem Augenblick an keiner mehr Hand an sie legen würde.
Dann trug er sie weiter.
Nicht wie etwas Zerbrechliches.

Nicht wie eine Last, für die er sich entschuldigen musste.
Er setzte einen Stiefel vor den anderen und ging mit ihr mitten über die Hauptstraße von Red Creek, während sich die Menschen nach ihnen umdrehten.
Iris spürte jeden dieser Blicke.
Früher hatten sie sich weggedreht, sobald Jeb sie schlug.
Jetzt starrten sie.
Das war fast schlimmer.
Sie presste das Gesicht gegen Gideons Mantel und versuchte, sich so klein zu machen, wie ein Körper von gut 113 Kilo sich eben machen konnte.
„Setz mich ab“, flüsterte sie.
Gideon ging weiter.
„Dein Fuß trägt dich nicht.“
„Die Leute sehen uns.“
„Das tun sie.“
Mehr sagte er nicht.
Seine Arme zitterten inzwischen leicht von der Anstrengung, doch er lockerte den Griff nicht.
Hinter ihnen wurde Jeb langsam wieder wach.
Ein heiseres Stöhnen kam aus der Gasse.
Einer der Rancharbeiter, die zuvor noch am Saloon gestanden hatten, machte einen Schritt auf ihn zu und blieb dann unsicher stehen.
Jeb rollte sich auf die Seite.
Als seine Finger seinen Kiefer berührten, schrie er auf.
Sein Blick fand Gideon.
Dann Iris.
Etwas in seinem Gesicht veränderte sich.
Nicht Angst.
Besitzdenken.
„Iris!“
Gideon blieb stehen.
Iris’ ganzer Körper spannte sich in seinen Armen an.
Das geschah so schnell, dass Gideon es bemerkte.
„Sieh mich an“, sagte er leise.
Sie hob den Kopf nur ein wenig.
„Musst du zu ihm zurück?“
Die Frage traf sie unerwartet.
Nicht: Willst du?
Nicht: Was hast du getan, damit er so wütend wurde?
Nicht einmal: Ist er dein Mann?
Nur: Musst du?
Iris öffnete den Mund.
Jahrelang hätte die Antwort selbstverständlich gelautet: ja.
Jeb hatte das Geld.
Jeb kannte die Stallbesitzer.
Jeb hatte entschieden, wo sie schliefen, wann sie aß und ob sie überhaupt ein paar Cent behalten durfte.
Selbst das verschwundene 50-Cent-Stück, wegen dem er sie an diesem Tag auf die Straße gezerrt hatte, war nicht ihres gewesen.
Zumindest hatte sie gelernt, so zu denken.
„Ich habe keinen Ort“, sagte sie schließlich.
Gideon sah kurz die Straße entlang.
„Das war nicht meine Frage.“
Iris schluckte.
Jeb brüllte erneut ihren Namen.
Diesmal hörte sie darin etwas, das sie kannte.
Die Warnung vor dem, was später geschehen würde.
Falls sie zurückkehrte.
Falls niemand mehr zusah.
Ihre Finger schlossen sich um Gideons Mantel.
„Nein“, sagte sie.
Nur dieses eine Wort.
Gideon nickte.
Dann setzte er sich wieder in Bewegung.
Für Iris fühlte es sich an, als hätte sie etwas Unwiderrufliches getan.
Sie hatte Jeb nicht besiegt.
Sie hatte ihn nicht bedroht.
Sie war nicht einmal selbst gegangen.
Aber sie hatte vor Zeugen Nein gesagt.
Und Jeb hatte es gehört.
Gideon brachte sie in das kleine Zimmer hinter der Apotheke, wo Verletzte gelegentlich untersucht wurden, wenn der Arzt gerade in Red Creek war.
Der Apotheker half, eine Liege freizuräumen.
Er kannte Iris seit Jahren.
Natürlich kannte er sie.
Jeder kannte sie.
Doch als er ihr geschwollenes Auge, die aufgeplatzte Lippe und die Art sah, wie sie die linke Schulter hielt, wurden seine Bewegungen plötzlich sehr beschäftigt.
Zu beschäftigt.
Er stellte Wasser hin.
Holte Tücher.
Ordnete Flaschen, die längst ordentlich gestanden hatten.
Iris wusste, was das bedeutete.
Scham konnte viele Gesichter haben.
Nicht jede Scham gehörte dem Opfer.
Der Arzt kam wenig später und untersuchte sie, ohne unnötige Fragen zu stellen.
Der Knöchel war stark verstaucht.
Die Schulter vermutlich nicht gebrochen, aber heftig geprellt.
Bei den Rippen konnte er ohne weitere Mittel nicht sicher sagen, ob etwas gebrochen war.
Sie sollte ruhig atmen, sich schonen und sofort Bescheid geben, falls der Schmerz schlimmer wurde.
Als er ihr Gesicht säuberte, zuckte Iris bei jeder Berührung zusammen.
„Das hier“, sagte der Arzt schließlich und deutete auf einen älteren gelblichen Fleck unter ihrem Schlüsselbein, „ist nicht von heute.“
Iris sah zur Wand.
Gideon stand nahe der Tür.
Er hatte den Hut abgenommen.
Seit sie hereingekommen waren, hatte er kaum gesprochen.
Jetzt sagte er ebenfalls nichts.
Und genau das brachte Iris dazu, zu antworten.
„Nein.“
Der Arzt wartete.
„Und das am Arm?“
„Auch nicht.“
„Wie lange?“
Iris’ Kehle wurde trocken.
Sie dachte an Winter.
An Sommer.
An Nächte, in denen sie gelernt hatte, den Atem anzuhalten, sobald Jebs Schritte draußen unregelmäßig wurden.
„Jahre.“
Das Wort war kaum hörbar.
Der Apotheker hörte es trotzdem.
Seine Hand erstarrte über einer Schublade.
Iris sah ihn an.
Zum ersten Mal wich er ihrem Blick nicht aus.
„Wir wussten es“, sagte er.
Der Arzt drehte den Kopf zu ihm.
Der Apotheker schluckte.
„Nicht alles. Aber genug.“
Iris empfand keine Erleichterung.
Nur Müdigkeit.
„Ja“, sagte sie.
Das tat mehr weh als jede Rippe.
Weil es bestätigte, was sie längst gewusst hatte.
Red Creek hatte nicht deshalb geschwiegen, weil niemand etwas bemerkte.
Die Stadt hatte geschwiegen, weil Jebs Gewalt bequem als private Angelegenheit behandelt werden konnte.
Bis ein Fremder sie öffentlich unbequem machte.
Draußen erklangen schwere Schritte auf den Holzdielen.
Iris erkannte sie sofort.
Ihr Körper erkannte sie sogar früher als ihr Verstand.
Ihre Schultern zogen sich hoch.
Der Atem blieb ihr stecken.
Gideon bemerkte es.
Er setzte den Hut wieder auf und trat vor die Tür.
Jeb stand im Verkaufsraum.
Sein Kiefer war bereits dick angeschwollen, und er hielt eine Hand dagegen.
Zwei Männer hatten ihn begleitet, allerdings weniger wie Freunde als wie Menschen, die sehen wollten, was als Nächstes geschah.
„Sie kommt mit mir“, presste Jeb hervor.
Gideon lehnte nicht dramatisch an der Tür.
Er griff nicht nach seiner Waffe.
Er stand einfach zwischen Jeb und dem hinteren Zimmer.
„Frag sie.“
Jeb starrte ihn an.
„Was?“
„Frag Iris.“
Jeb lachte kurz und verzog wegen seines Kiefers sofort das Gesicht.
„Die gehört zu mir.“
Hinter Gideon hörte Iris die Worte.
Etwas Kaltes kroch ihr über den Rücken.
Sie wartete darauf, dass Gideon widersprach.
Dass zwei Männer anfingen, über sie zu verhandeln.
Stattdessen drehte er sich halb zur Seite.
So konnte Jeb sie sehen.
Und Iris konnte Jeb sehen.
„Willst du mit ihm gehen?“
Da war sie wieder.
Die Entscheidung.
Schrecklicher als jeder Befehl, weil niemand sie ihr abnahm.
Jeb zeigte mit dem Finger auf sie.
„Überleg dir gut, was du sagst.“
Der Satz genügte.
Der Apotheker trat aus dem hinteren Bereich hervor.
Einer der Männer bei Jeb senkte den Blick.
Gideon aber bewegte sich nicht.
Iris dachte an die Hütte.
An ihren Kamm neben dem Bett.
An zwei Kleider.
An die Blechdose mit Knöpfen.
An eine alte Decke ihrer Mutter, die sie seit Jahren aufbewahrte.
An all die winzigen Dinge, mit denen Menschen sich einreden, ein Ort sei ein Zuhause.
Dann dachte sie daran, wie Jeb sie an den Haaren aus diesem sogenannten Zuhause gezerrt hatte.
„Nein“, sagte sie.
Jeb wurde rot.
„Iris.“
„Nein.“
Diesmal lauter.
Jeb machte einen Schritt nach vorn.
Gideon hob nur eine Hand.
Keine Faust.
Eine offene Hand.
Jeb blieb stehen.
Vielleicht erinnerte sein Kiefer ihn daran, was passiert war, als er die Entfernung das letzte Mal falsch eingeschätzt hatte.
„Du hast nichts ohne mich“, sagte er zu Iris.
Iris wollte antworten.
Doch diesmal war der Apotheker schneller.
„Dann hat sie eben zunächst nichts.“
Alle sahen ihn an.
Offenbar überraschte ihn sein eigener Satz genauso sehr.
Er räusperte sich.
„Aber sie bleibt heute hier.“
Jebs Blick wurde schmal.
„Seit wann mischst du dich ein?“
Der Apotheker sah kurz zu Iris.
„Seit heute zu spät.“
Es war keine große Rede.
Kein Heldensatz.
Vielleicht war genau das der Grund, weshalb Iris ihm glaubte.
Jeb ging schließlich.
Nicht freiwillig ruhig.
Nicht besiegt.
Er versprach, wiederzukommen.
Und Iris glaubte auch ihm.
Als die Tür hinter ihm zufiel, begann ihre Hand zu zittern.
Gideon stellte einen Stuhl neben die Liege und setzte sich.
„Wer bist du?“, fragte Iris nach einer Weile.
„Gideon.“
Trotz allem hätte sie beinahe gelacht.
„Das weiß ich.“
Er rieb sich über die Knöchel der rechten Hand.
„Ich arbeite mit Pferden. Manchmal Vieh. Dort, wo jemand gerade jemanden braucht.“
„Und du schlägst fremde Männer bewusstlos?“
„Normalerweise nicht.“
„Heute schon.“
Gideon sah sie an.
„Heute trat einer auf eine Frau ein, die am Boden lag.“
Keine Romantik.
Keine Schicksalsrede.
Für Gideon schien die Rechnung einfach zu sein.
Iris kannte solche Einfachheit nicht.
Bei Jeb hatte jede Grausamkeit eine Erklärung bekommen.
Sie habe falsch geschaut.
Zu viel gegessen.
Zu langsam gearbeitet.
Zu laut geatmet.
Geld verlegt.
Eine Frage gestellt.
Gideon dagegen behandelte einen Tritt offenbar nur als das, was er war.
Einen Tritt gegen jemanden, der sich nicht mehr wehren konnte.
Am Abend brachte der Apotheker Suppe.
Iris aß zunächst nicht.
Sie schämte sich, vor Gideon zu essen.
Auch das hatte Jeb ihr beigebracht.
Er hatte ihre Portionen kommentiert, ihre Taille, ihre Schritte, sogar das Geräusch ihres Stuhls auf dem Boden.
Gideon bemerkte, wie sie den Löffel wieder hinlegte.
Er stand auf.
„Ich sehe nach meinem Pferd.“
„Du musst nicht gehen.“
Er hielt inne.
Iris überraschte sich selbst.
„Ich meine …“
„Ich weiß.“
Er ging trotzdem.
Erst als die Tür hinter ihm geschlossen war, begann sie zu essen.
Langsam.
Löffel für Löffel.
Niemand kommentierte es.
Als Gideon zurückkam, war die Schüssel leer.
Er sah sie an, sah die Schüssel und sagte nichts.
Iris hätte ihn dafür beinahe gehasst.
Stattdessen musste sie weinen.
Leise zunächst.
Dann so heftig, dass ihre Rippen protestierten.
Gideon stand unbeholfen da.
„Soll ich jemanden holen?“
Iris schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Er setzte sich wieder.
Mehr tat er nicht.
Am nächsten Morgen wusste ganz Red Creek, dass Iris Jeb öffentlich verlassen hatte.
Die Geschichte veränderte sich mit jeder Tür, durch die sie ging.
Manche behaupteten, Gideon habe Jeb wegen einer alten Fehde niedergeschlagen.
Andere sagten, Iris habe den Fremden bereits gekannt.
Eine Version machte aus ihr sogar die Ursache des Streits.
Das überraschte Iris nicht.
Eine Stadt, die jahrelang weggesehen hatte, brauchte eine Geschichte, in der ihr Schweigen vernünftig wirkte.
Doch diesmal gab es ein Problem.
Zu viele Menschen hatten Jebs Tritte gesehen.
Und einer der beiden Rancharbeiter vom Saloon begann zu reden.
Nicht aus Mut.
Aus Unbehagen.
Er erzählte dem Stallbesitzer, dass Iris bereits am Boden gelegen hatte, als Jeb den nächsten Tritt vorbereitete.
Der Stallbesitzer erzählte es weiter.
Plötzlich wurde aus „Jeb und Iris hatten wieder Streit“ etwas anderes.
Jeb hatte eine verletzte Frau auf offener Straße getreten.
Diese Formulierung ließ sich schwerer bequem machen.
Am Nachmittag kam der Stallbesitzer selbst vorbei.
Er brachte Iris eine kleine Stofftasche.
Darin lagen ihr Kamm, zwei Kleider, die Blechdose mit den Knöpfen und die alte Decke ihrer Mutter.
Iris starrte darauf.
„Woher haben Sie das?“
„Aus der Hütte.“
„Jeb hat Sie hineingelassen?“
Der Mann verzog den Mund.
„Nein.“
Mehr erklärte er nicht.
Dann legte er etwas Kleines auf die Decke.
Eine Münze.
Fünfzig Cent.
Iris erkannte sie nicht.
„Was ist das?“
Der Stallbesitzer sah plötzlich aus, als würde er lieber einem wütenden Hengst gegenüberstehen.
„Das Geldstück, das angeblich weg war.“
Iris’ Finger wurden kalt.
„Wo?“
„In Jebs Manteltasche.“
Sie sah ihn an.
Der Mann hob beide Hände.
„Ich habe nichts durchsucht. Der Mantel hing über dem Stuhl. Als ich ihn nahm, fiel es heraus.“
Iris hörte ihren eigenen Atem.
Jeb hatte sie nicht geschlagen, weil sie Geld verloren hatte.
Das wusste sie natürlich irgendwo schon.
Es hatte nie wirklich Gründe gebraucht.
Aber der konkrete Beweis tat etwas mit ihr.
Er nahm Jeb eine der letzten Lügen, an die selbst Iris sich gelegentlich geklammert hatte.
Vielleicht hätte sie sorgfältiger sein müssen.
Vielleicht hätte sie ihn provoziert.
Vielleicht wäre dieser Tag anders verlaufen, wenn das Geld nicht verschwunden wäre.
Nein.
Das Geld war nie verschwunden gewesen.
Der Stallbesitzer schob die Münze näher zu ihr.
„Die gehört wohl Ihnen.“
Iris betrachtete sie.
Dann schob sie sie zurück.
„Nein.“
Der Mann runzelte die Stirn.
„Behalten Sie sie.“
„Warum?“
Iris sah auf ihre Mutterdecke.
„Weil ich nicht will, dass das Erste, was ich ohne ihn besitze, aus seiner Tasche kommt.“
Gideon, der an der Wand gestanden hatte, senkte kurz den Blick.
Der Stallbesitzer nahm die Münze wieder.
„Verstanden.“
Am dritten Tag konnte Iris mit Unterstützung ein paar Schritte machen.
Gideon blieb weiterhin in Red Creek.
Sie fragte nicht warum.
Er erklärte es nicht.
Doch Jeb verschwand ebenfalls nicht.
Er trank.
Er redete.
Und er begann zu behaupten, Gideon habe ihm Iris gestohlen.
Dieses Wort verbreitete sich schnell.
Gestohlen.
Als wäre Iris ein Pferd.
Ein Sack Mehl.
Etwas, das den Besitzer wechseln konnte.
Als Iris davon hörte, saß sie auf der Bettkante und wickelte gerade ihre Mutterdecke zusammen.
Sie hielt inne.
„Was wirst du tun?“, fragte Gideon.
Früher hätte sie gefragt, was er tun würde.
Diesmal bemerkte sie den Unterschied.
„Ich will zurück zur Hütte.“
Gideons Gesicht verhärtete sich.
„Warum?“
„Nicht um zu bleiben.“
Sie zog die Decke enger zusammen.
„Ich will selbst sehen, ob noch etwas von mir dort ist.“
„Jeb könnte dort sein.“
„Ja.“
„Dann komme ich mit.“
Iris schüttelte den Kopf.
„Bis zur Tür.“
Gideon wollte widersprechen.
Sie sah ihn direkt an.
„Du hast gesagt, niemand verletzt mich wieder.“
„Das meinte ich.“
„Dann hilf mir, nicht wieder jemandem zu gehören, der entscheidet, was ich darf.“
Gideon schwieg.
Der Satz traf.
Schließlich nickte er.
„Bis zur Tür.“
Die Hütte wirkte kleiner, als Iris zurückkehrte.
Vielleicht weil sie sie zum ersten Mal von außen betrachtete, ohne bereits darüber nachzudenken, welchen Zustand Jeb drinnen haben würde.
Gideon blieb tatsächlich vor der Tür.
Iris trat allein hinein.
Auf dem Tisch stand eine Flasche.
Ein Stuhl war umgeworfen.
Ihre wenigen Sachen fehlten bereits, weil der Stallbesitzer sie geholt hatte.
In der Ecke lag ein alter Holzlöffel.
Am Fenster hing noch der Stoffstreifen, den Iris im vergangenen Winter gegen den Zug geklemmt hatte.
So wenig.
Jahre ihres Lebens, und am Ende bestand ihr Anteil an diesem Ort aus Dingen, die niemand für wertvoll genug gehalten hatte, um sie mitzunehmen.
Dann hörte sie hinter sich Schritte.
Jeb.
Er stand in der offenen Tür.
Gideon war einige Schritte hinter ihm.
Sein Blick lag auf Jeb, aber er griff nicht ein.
Noch nicht.
„Also kommst du doch zurück“, sagte Jeb.
Iris’ Herz schlug so hart, dass ihr schlecht wurde.
„Nein.“
Jeb trat hinein.
„Der Fremde wird irgendwann weiterziehen.“
Iris sagte nichts.
„Und dann?“
Er deutete auf ihren Körper.
„Wer nimmt dich denn?“
Da war sie.
Die älteste Waffe.
Nicht seine Faust.
Die Vorstellung, dass sie ohne ihn nichts wert sei.
Iris spürte, wie vertraut der Schmerz war.
Fast bequem.
Gideon bewegte sich draußen nicht.
Iris wusste plötzlich, warum.
Er wartete auf sie.
Nicht darauf, sie zu retten.
Darauf, dass sie selbst entschied, was Rettung bedeutete.
Iris ging zum Fenster.
Sie löste den alten Stoffstreifen aus dem Rahmen.
Dann nahm sie den Holzlöffel aus der Ecke.
Jeb lachte.
„Das ist es? Dafür bist du gekommen?“
„Ja.“
Sie steckte den Stoff in ihre Tasche und hielt den Löffel in der Hand.
„Du wirst zurückkriechen.“
Iris ging auf ihn zu.
Ihre Rippen schmerzten.
Der Knöchel pochte.
Jeder Schritt war langsam.
Jeb versperrte die Tür.
Früher hätte das genügt.
Iris blieb vor ihm stehen.
„Geh zur Seite.“
Er grinste.
„Oder was?“
Iris sah an ihm vorbei zu Gideon.
Der Fremde machte keinen Schritt.
Aber seine Augen waren wach.
Bereit.
Iris wandte den Blick wieder Jeb zu.
„Oder du zeigst vor ihm und vor mir, dass du nur stark bist, solange ich glaube, keine Wahl zu haben.“
Jebs Grinsen wurde starr.
Er hob die Hand.
Iris zuckte.
Der Reflex war sofort da.
Doch diesmal wich sie nicht zurück.
Gideon setzte einen Fuß nach vorn.
Nur einen.
Jeb sah es.
Dann sah er Iris.
Langsam ließ er die Hand sinken.
Und trat zur Seite.
Iris ging durch die Tür.
Aus eigener Kraft.
Draußen musste sie sich kurz am Geländer abstützen, weil der Knöchel nachgab.
Gideon streckte automatisch die Hand aus.
Dann hielt er inne.
Er wartete.
Iris sah seine Hand an.
Die gleiche Hand, die Jeb niedergeschlagen hatte.
Die gleiche Hand, vor der sie am ersten Tag zurückgeschreckt war.
Diesmal legte sie ihre hinein.
„Nur bis zur Straße“, sagte sie.
„Nur bis zur Straße“, antwortete Gideon.
In den folgenden Wochen heilten die sichtbaren Verletzungen schneller als die Gewohnheiten.
Iris erschrak weiterhin bei schweren Schritten.
Sie entschuldigte sich, wenn sie zu viel Platz am Tisch einnahm.
Sie versteckte Essen, obwohl niemand es ihr wegnahm.
Wenn Gideon unerwartet die Hand hob, um seinen Hut abzunehmen, duckte sie manchmal den Kopf.
Er tat nie so, als bemerke er es nicht.
Aber er machte auch kein Drama daraus.
Er verlangsamte seine Bewegungen.
Er fragte, bevor er sie berührte.
Und irgendwann musste er nicht mehr fragen, ob er sich neben sie setzen durfte.
Nicht weil Grenzen verschwunden waren.
Sondern weil Iris sie selbst setzen konnte.
Red Creek veränderte sich ebenfalls, allerdings langsamer und weniger vollständig, als Geschichten es gern behaupten.
Manche Menschen mieden Iris aus Scham.
Andere wurden plötzlich übertrieben freundlich.
Einige verteidigten Jeb weiterhin mit Sätzen wie: „So war er eben, wenn er getrunken hatte.“
Iris lernte, dass solche Erklärungen keine Verantwortung waren.
Der Apotheker grüßte sie nun jedes Mal offen.
Der Stallbesitzer gab ihr kleine Arbeiten, sobald ihr Knöchel wieder belastbar war.
Nicht aus Mitleid, wie er ausdrücklich sagte.
Er brauchte jemanden, der Rechnungen ordnete und Lieferungen im Blick behielt.
Iris konnte rechnen.
Sehr gut sogar.
Jeb hatte nur nie einen Grund gesehen, das wichtig zu finden.
Die ersten Münzen, die Iris selbst verdiente, legte der Stallbesitzer vor ihr auf den Tisch.
Iris zählte sie zweimal.
Dann ein drittes Mal.
Gideon stand draußen bei einem Pferd und tat, als interessiere ihn dessen Huf plötzlich außerordentlich.
Iris kaufte von ihrem ersten Geld kein Kleid.
Keinen Schmuck.
Kein besonderes Essen.
Sie kaufte einen einfachen Kamm.
Ihr alter war beim Sturz in der Gasse an zwei Zähnen gebrochen.
Am Abend saß sie vor einem kleinen Spiegel und zog den neuen Kamm vorsichtig durch ihr Haar.
Bei der ersten Berührung am Hinterkopf hielt sie inne.
Dort hatte Jeb sie gepackt.
Iris legte den Kamm auf den Tisch.
Atmete.
Nahm ihn wieder auf.
Und kämmte weiter.
Gideon verließ Red Creek schließlich tatsächlich.
Nicht heimlich.
Nicht für immer, wie Iris zunächst dachte.
Arbeit wartete zwei Tagesritte entfernt.
Am Morgen seines Aufbruchs stand sein Pferd vor dem Stall.
Iris kam hinaus und verschränkte die Arme.
„Du hattest recht“, sagte sie.
„Womit?“
„Du ziehst weiter.“
Gideon zog den Sattelgurt fester.
„Für Arbeit.“
„Das zählt.“
Er sah sie an.
„Soll ich bleiben?“
Früher hätte diese Frage Iris glücklich machen müssen.
Ein Mann, der für sie blieb.
Ein neuer Schutz.
Eine neue Person, um die sich ihr Leben drehen konnte.
Doch sie dachte an die Tür der Hütte.
An Gideons ausgestreckte Hand.
An den Moment, in dem er gewartet hatte, bis sie selbst zugriff.
„Nein“, sagte sie.
Gideon nickte langsam.
„Gut.“
Iris hob eine Augenbraue.
„Gut?“
„Du hast nicht gefragt, was ich will.“
Da musste sie lachen.
Zum ersten Mal tat es an den Rippen kaum noch weh.
Gideon ritt fort.
Sechs Wochen später kam er zurück.
Dann ging er wieder.
Danach kehrte er erneut zurück.
Er machte nie ein Versprechen, das größer war als das, was er halten konnte.
Und Iris wartete nie am Fenster.
Sie arbeitete.
Sie ging selbst zur Apotheke.
Sie kaufte ihr Essen mit eigenem Geld.
Sie lernte, dass Einsamkeit etwas anderes war als Freiheit und dass Freiheit nicht bedeutete, niemals jemanden zu brauchen.
Sie bedeutete, wählen zu dürfen, wen man brauchte.
Jeb verschwand einige Monate später aus Red Creek.
Niemand veranstaltete deshalb ein Fest.
Iris wollte auch keines.
Sie fragte nicht, wohin er ging.
Diese Information gehörte nicht mehr zu ihrem Leben.
Ein Jahr nach jenem Tag in der Gasse stand Iris wieder neben der Apotheke.
An derselben Stelle.
Der Staub war trocken.
Pferde standen an den Pfosten.
Aus dem Saloon drangen Stimmen.
Es hätte alles aussehen können wie damals.
Tat es aber nicht.
Iris trug eine Tasche mit Einkäufen auf dem Arm.
Der neue Kamm steckte darin, weil sie ihn am Morgen versehentlich mitgenommen hatte.
Als sie die Gasse passierte, sah sie kurz auf den Boden.
Sie erinnerte sich an Blutgeschmack.
An Jebs Stiefel.
An Menschen, die wegsahen.
Und an zwei offene Hände, die plötzlich in ihr Blickfeld gekommen waren.
Hinter ihr erklangen Schritte.
Schwere Stiefel.
Früher wäre ihr Körper erstarrt.
Diesmal drehte Iris sich einfach um.
Gideon kam die Straße entlang.
Staub auf dem Mantel.
Derselbe abgewetzte Hut.
Er blieb ein paar Schritte vor ihr stehen.
„Brauchst du eine Hand?“
Iris sah auf ihre Einkaufstasche.
Dann auf ihn.
„Nein.“
Gideon nickte.
Iris lächelte.
Und reichte ihm trotzdem die Tasche.
Nicht weil sie sie nicht tragen konnte.
Sondern weil sie es wollte.
Dann gingen sie nebeneinander weiter.