Das Letzte, was Clara hörte, bevor ihr Gesicht auf die kalten Badezimmerfliesen stürzte, war Raymonds Lachen.
Es war kein lautes Lachen.
Es war schlimmer.

Kurz, trocken, zufrieden.
Ein Geräusch, das sagte, dass er keine Angst hatte, erwischt zu werden.
„Zu langsam, Clara“, sagte er.
Dann kam der Aufprall.
Die Fliesen waren eiskalt, und der Geruch von Shampoo, nassem Handtuch und Desinfektionsreiniger vermischte sich zu einem stechenden Brennen in ihrer Nase.
Für einen Sekundenbruchteil sah sie noch den Rand des Waschbeckens, Raymonds blank polierte Schuhe und die halb offene Badezimmertür.
Dann wurde alles weiß.
Als sie wieder aufwachte, brannte Licht über ihr.
Nicht das weiche Licht ihres Zimmers.
Nicht der milchige Streifen vom Badezimmerfenster.
Krankenhauslicht.
Hart, praktisch, gnadenlos.
Clara blinzelte, und sofort schoss Schmerz durch ihren Kopf.
Ihr linkes Handgelenk lag schwer auf der Decke.
Die Finger fühlten sich fremd an.
Ihre Rippen antworteten auf jeden Atemzug mit einem scharfen Stich, als würde innen etwas brechen, obwohl es längst gebrochen war.
Neben dem Bett stand ein Stuhl.
Auf dem Stuhl saß ihre Mutter Eleanor.
Sie trug einen dunklen Mantel, ihre Haare lagen ordentlich, ihre Nägel waren glatt lackiert, und zwischen Daumen und Zeigefinger drehte sie ein Taschentuch.
Das Taschentuch war trocken.
Clara bemerkte es sofort.
Vielleicht, weil sie in den letzten Jahren gelernt hatte, auf kleine Dinge zu achten.
Auf die Uhrzeit.
Auf Schritte im Flur.
Auf Schlüssel, die leiser auf den Tisch gelegt wurden als sonst.
Auf eine Stimme, die freundlich klang, obwohl sie gerade eine Drohung vorbereitete.
Eleanor beugte sich vor, als Clara die Augen öffnete.
„Ruhig, Liebes“, sagte sie.
Das Wort Liebes klang so glatt, dass Clara übel wurde.
Ein Arzt stand am Fußende des Bettes und blätterte in einer Akte.
Sein Namensschild zeigte Dr. Monroe.
Er sah nicht zu Eleanor.
Er sah zu Clara.
„Sie sind im Krankenhaus“, sagte er sachlich. „Sie wurden mit mehreren Verletzungen eingeliefert.“
Clara wollte antworten, aber ihre Kehle war trocken.
Eleanor kam ihr zuvor.
„Sie ist beim Baden ausgerutscht“, sagte sie.
Sie sprach ruhig, fast höflich, als ginge es um einen verpassten Termin und nicht um ein Kind mit blauen Flecken.
„Clara war immer etwas ungeschickt. Wir machen uns natürlich große Sorgen.“
Dr. Monroe schwieg.
Er hob Claras Arm ein wenig an, vorsichtig, und betrachtete die gelblichen Blutergüsse, die nicht von heute sein konnten.
Dann sah er die frischen, dunkleren Spuren an ihren Rippen.
Sein Blick wurde nicht hart.
Er wurde klar.
„Sind Sie ausgerutscht?“, fragte er.
Eleanors Hand sank auf Claras Unterarm.
Von außen sah die Geste mütterlich aus.
Von innen war sie eine Warnung.
Die Nägel drückten genau in die Stelle, an der noch kein Bluterguss war.
Clara starrte zur Wand.
Dort hing eine Uhr.
14:17.
Der Sekundenzeiger bewegte sich sauber weiter.
Pünktlich.
Unbeteiligt.
Sie dachte an ihren Vater.
Nicht an seinen Tod.
Noch nicht.
Sie dachte an seine Stimme, wenn er früher sagte, man solle nie eine Lüge aussprechen, nur weil der Raum schon darauf vorbereitet sei.
Clara atmete so tief ein, wie ihre Rippen es zuließen.
„Nein“, flüsterte sie.
Eleanor erstarrte.
Nur für einen Moment.
Dann lächelte sie.
Dieses Lächeln hatte Clara immer am meisten gefürchtet.
Nicht das wütende Gesicht.
Nicht die Schreie.
Das Lächeln.
Denn danach kam Ordnung.
Nicht echte Ordnung.
Eleanors Ordnung.
Akten, Unterschriften, Termine, Erklärungen, die so sauber vorbereitet waren, dass die Wahrheit daneben schmutzig aussah.
Dr. Monroe trat zur Tür.
„Ich rufe die Polizei“, sagte er.
Da stand Eleanor auf.
Der Stuhl kippte nach hinten und schlug gegen den Boden.
Der Knall schnitt durch den Raum.
Eine Pflegerin blieb im Flur stehen.
Eleanor griff in ihre Tasche und zog einen dicken Umschlag heraus.
Er war nicht zerknittert.
Nichts an Eleanor war je zerknittert.
Sie legte den Umschlag auf die Bettdecke, direkt neben Claras bandagiertes Handgelenk.
„Doctor“, sagte sie, und wechselte in diesen Ton, den sie für Menschen benutzte, die sie kontrollieren wollte. „Meine Tochter leidet unter gewalttätigen Wahnvorstellungen.“
Clara spürte, wie ihr Magen kalt wurde.
„Das ist eine rechtsgültig unterschriebene Einweisung“, sagte Eleanor weiter. „Der private Krankentransport kommt in genau zwei Stunden.“
Dr. Monroe sah auf die Papiere.
Clara sah auf den Terminvermerk.
16:30.
Nicht irgendwann.
Nicht morgen.
Heute.
Sie verstand sofort, warum.
Nächste Woche wurde sie achtzehn.
Nächste Woche sollte das Erbe ihres Vaters für sie erreichbar werden.
Nicht das Taschengeld, das Eleanor ihr gab, wenn sie brav war.
Nicht die kleinen Beträge, über die Raymond spöttisch fragte, ob sie damit wieder Unsinn kaufen wolle.
Der große Treuhandfonds ihres Vaters.
Das Geld, das er für Clara gesichert hatte, bevor er starb.
Solange Clara minderjährig war, hatte Eleanor Kontrolle darüber.
Wenn Clara als gefährlich, instabil und nicht zurechnungsfähig galt, konnte Eleanor versuchen, diese Kontrolle zu behalten.
Die Verlegung war kein medizinischer Schritt.
Sie war ein Schloss.
Und Clara sollte dahinter verschwinden.
Raymond erschien in der Tür, als hätte jemand ihn gerufen.
Vielleicht hatte Eleanor das auch.
Er trug ein helles Hemd und diese höfliche Maske, die er für Ärzte, Nachbarn und Handwerker aufsetzte.
Clara kannte beide Männer.
Den Mann im Flur, der charmant nickte.
Und den Mann im Badezimmer, der lachte.
„Wir versuchen seit Jahren, ihre Erkrankung privat zu regeln“, sagte Raymond.
Seine Stimme war warm.
Erschöpft.
Fast liebevoll.
„Wir wollten kein Aufsehen.“
Clara hätte gelacht, wenn ihre Rippen es zugelassen hätten.
Kein Aufsehen.
Das war immer ihr Satz gewesen.
Als sie mit zwölf fragte, warum sie nicht mehr zu ihrer alten Freundin durfte.
Kein Aufsehen.
Als sie mit vierzehn dem Hausarzt sagen wollte, dass Raymond sie gegen den Küchenschrank gestoßen hatte.
Kein Aufsehen.
Als sie mit sechzehn im Keller hörte, wie Eleanor flüsterte, dass Clara zu viel frage.
Kein Aufsehen.
In diesem Haus war Ruhe nie Frieden gewesen.
Ruhe war nur der Deckel auf der Wahrheit.
Dr. Monroe nahm die Mappe, aber er sah nicht überzeugt aus.
Trotzdem merkte Clara, wie sich die Falle schloss.
Es war nicht so einfach, ein ordentlich unterschriebenes Dokument in einem Krankenhauszimmer zu zerreißen.
Nicht, wenn eine Mutter weinte.
Nicht, wenn ein Stiefvater ruhig erklärte.
Nicht, wenn ein verletztes Mädchen als krank dargestellt wurde, bevor es überhaupt sprechen konnte.
Zwei Polizisten kamen kurz darauf.
Eine von ihnen hieß Lena Torres.
Sie war nicht groß, aber sie stand so im Raum, dass niemand an ihr vorbeiging, ohne bewusst die Distanz zu wählen.
Ihr Kollege blieb näher an der Tür.
Frau Torres sah zuerst den Arzt an.
Dann Eleanor.
Dann Raymond.
Erst zuletzt Clara.
Nicht flüchtig.
Richtig.
„Clara“, sagte sie, „können Sie mir sagen, was passiert ist?“
Eleanor schluchzte.
Es war perfekt gesetzt.
Nicht zu laut.
Gerade genug, um den Raum zu füllen.
„Bitte“, sagte sie. „Sie dürfen ihren Wahn nicht verstärken.“
Raymond legte ihr eine Hand auf die Schulter.
Clara sah die Hand an.
Sie dachte daran, wie dieselbe Hand ihr gestern den Weg zur Badezimmertür versperrt hatte.
„Sie hat sich in letzter Zeit Dinge eingebildet“, sagte Raymond. „Sie behauptet, wir würden ihr Geld stehlen. Sie glaubt, ihr verstorbener Vater sei ermordet worden. Sie wird aggressiv, wenn man sie korrigiert.“
Das Wort korrigiert blieb im Raum hängen.
Wie ein sauberer Begriff für Schläge.
Frau Torres nahm die Mappe und blätterte.
Eleanor hatte alles vorbereitet.
Unterschriften.
Beurteilungen.
Transporttermin.
Kontaktperson.
Sogar ein kleiner gelber Klebezettel ragte aus einer Seite, als hätte jemand besonders sorgfältig gearbeitet.
Ordnung muss sein, dachte Clara bitter.
Selbst für eine Entführung mit Formularen.
„Die Verletzungen passen nicht zu einem einfachen Ausrutschen“, sagte Dr. Monroe ruhig.
Eleanor wandte den Kopf zu ihm.
„Mit allem Respekt, Doctor, Sie kennen ihre Vorgeschichte nicht.“
„Dann erzählen Sie sie mir“, sagte er.
Es war Klartext.
Nicht laut.
Aber direkt genug, dass Raymonds Augen kurz schmal wurden.
Eleanor begann zu sprechen.
Sie erzählte von Stimmungsschwankungen.
Von Fantasien.
Von angeblichen Ausbrüchen.
Sie erzählte so geordnet, dass Clara beinahe selbst Angst bekam.
Nicht, weil es wahr war.
Sondern weil eine gute Lüge in der richtigen Reihenfolge wie eine Akte klingt.
Clara lag im Bett und spürte den Anhänger auf ihrer Brust.
Er war unter dem Krankenhaushemd verborgen.
Der silberne Tropfen war warm von ihrer Haut.
Sie hatte ihn seit drei Jahren kaum abgenommen.
Ihr Vater hatte ihn ihr gegeben, zwei Tage bevor er starb.
Damals hatte er müde ausgesehen.
Nicht krank.
Müde.
So, als hätte er seit Wochen nicht geschlafen.
Er hatte ihre Hände um den Anhänger geschlossen und gesagt, sie solle ihn nie verlieren.
„Er ist nur Schmuck, bis du ihn brauchst“, hatte er gesagt.
Clara hatte gefragt, wann sie ihn brauchen würde.
Ihr Vater hatte ihr Haar glattgestrichen und nicht geantwortet.
Drei Tage später war er tot.
Plötzlich.
Unerwartet.
Und Eleanor hatte noch am Tag nach der Beerdigung begonnen, die Konten, Termine und Schlüssel neu zu sortieren.
Raymond war kurz darauf häufiger im Haus gewesen.
Erst als Berater.
Dann als Freund.
Dann als Mann, der am Abendbrottisch saß und Claras Vaterstuhl benutzte.
Clara hatte ihm nie vertraut.
Nicht wegen eines großen Beweises.
Wegen kleiner Dinge.
Er kannte zu früh die Codes für Schränke.
Er wusste zu genau, welche Akten ihr Vater in welchem Ordner aufbewahrt hatte.
Er nannte Eleanor beim Vornamen in einem Ton, der älter klang als ihre offizielle Beziehung.
Und einmal, als Clara nachts Wasser holen wollte, hatte sie gehört, wie Eleanor sagte: „Wenn sie achtzehn wird, verlieren wir alles.“
Raymond hatte geantwortet: „Dann wird sie vorher nicht mehr frei entscheiden können.“
Damals hatte Clara den Anhänger festgehalten.
Sie hatte nicht gewusst, dass er bereits aufnahm.
Das hatte sie erst Monate später verstanden.
Der Anhänger öffnete sich nicht mit einem Knopf.
Nicht mit einer App.
Nicht mit einem Kabel.
Er reagierte auf sie.
Auf ihre Haut.
Auf ihren Daumen.
Auf ein Wort, das ihr Vater in unscheinbaren Momenten wiederholt hatte.
Klartext.
Er hatte es gesagt, wenn sie beim Frühstück zu schüchtern war, um zu sagen, was sie wollte.
Klartext, Clara.
Er hatte es gesagt, wenn sie in der Schule Ärger hatte und Ausreden suchte.
Klartext.
Er hatte es sogar lächelnd gesagt, wenn Eleanor über Dinge hinwegreden wollte.
Clara hatte gedacht, es sei nur ein Familienwort.
Es war ein Schlüssel gewesen.
Frau Torres klappte die Mappe zu.
„Clara“, sagte sie, „haben Sie irgendetwas, das Ihre Aussage stützt?“
Raymond lachte.
Diesmal war es nicht ganz so leise wie im Badezimmer.
„Beweise?“, sagte er. „Sie hören doch, worum es geht. Sie ist offiziell nicht bei Sinnen.“
Clara sah ihn an.
Er machte einen Fehler.
Er grinste.
Nicht viel.
Aber genug.
Genau dieses Grinsen hatte sie über dem Badboden gesehen.
Genau dieses Grinsen hatte ihr Vater nie gemocht.
Clara griff mit ihrer gesunden Hand unter das Krankenhaushemd.
Eleanor bemerkte die Bewegung zuerst.
Ihre Augen flackerten.
„Was machst du da?“, fragte sie.
Nicht laut.
Aber das Du klang plötzlich nicht mehr mütterlich.
Es klang wie Besitz.
Clara zog den Anhänger hervor.
Der silberne Tropfen lag in ihrer Handfläche.
Schlicht.
Schwer.
Zu unscheinbar für das, was er trug.
„Das hat mein Vater mir gegeben“, sagte Clara.
Raymonds Gesicht blieb ruhig.
Eleanors nicht.
Ein winziger Riss ging durch ihre Fassade.
Der Mundwinkel.
Die Augenlider.
Die Hand, die sich zu schnell zur Tasche bewegte.
Frau Torres sah es auch.
„Was ist das?“, fragte sie.
„Ein biometrischer Speicher“, sagte Clara.
Ihre Stimme war rau, aber zum ersten Mal seit dem Aufwachen nicht mehr schwach.
„Er öffnet sich nur bei mir.“
Raymond schnaubte.
„Jetzt sind wir bei Spionageschmuck angekommen.“
Dr. Monroe sagte nichts.
Sein Blick blieb auf Eleanor.
Clara legte den Daumen auf die matte Stelle an der Rückseite des Anhängers.
Für eine Sekunde passierte nichts.
Die Stille wurde riesig.
Raymond atmete hörbar aus.
„Sie sehen?“, sagte er. „Noch ein Märchen.“
Clara schloss die Augen.
Sie dachte an ihren Vater am Küchentisch.
An Brötchen am Sonntagmorgen.
An seine sauberen, leicht tintenverschmierten Finger, wenn er Akten durcharbeitete.
An seine Stimme, die nie laut sein musste, um stark zu sein.
Dann sagte sie: „Klartext.“
Der Anhänger klickte.
Nicht dramatisch.
Nicht laut.
Nur ein präzises, kleines Geräusch.
Wie ein Schloss, das nach Jahren endlich aufgab.
Ein schwaches Licht lief über die Kante des Anhängers.
Eleanor wich zurück.
Ihr Knie stieß gegen den umgekippten Stuhl.
Die Pflegerin im Flur hob eine Hand an den Mund.
Frau Torres trat näher.
„Sie sollten das jetzt hören“, sagte Clara.
Raymonds Stimme kam aus dem Anhänger.
Klar.
Nah.
Unbestreitbar.
„Wenn sie nächste Woche achtzehn wird, ist alles weg. Also muss sie vorher in diese Klinik.“
Niemand bewegte sich.
Der Sekundenzeiger sprang weiter.
14:24.
Eleanor sagte nichts.
Raymond auch nicht.
Das war der Moment, in dem Clara begriff, wie selten Schuld wirklich laut ist.
Manchmal ist Schuld ein Mann, der plötzlich nicht mehr lächelt.
Frau Torres nahm den Anhänger nicht sofort.
Sie sah Clara an.
„Gibt es mehr?“
Clara nickte.
„Acht Monate.“
Die Worte fielen nicht schwer.
Sie fielen sauber.
Wie Akten auf einen Tisch.
„Jede Drohung. Jede Ohrfeige. Jedes Gespräch über den Fonds. Und gestern Abend.“
Raymond hob beide Hände.
„Das ist illegal aufgenommen. Das ist manipuliert. Sie ist minderjährig und psychisch krank.“
„Herr Raymond“, sagte Frau Torres.
Sie sagte seinen Namen nicht freundlich.
Sie sagte ihn wie eine Linie auf dem Boden.
„Treten Sie vom Bett zurück.“
Raymond bewegte sich nicht.
Dann trat Dr. Monroe einen Schritt zur Seite, sodass die Tür frei wurde, und der zweite Polizist legte die Hand an sein Funkgerät.
Erst da wich Raymond zurück.
Eleanor setzte sich nicht.
Sie stand am Bett, sehr gerade, sehr blass, sehr still.
Clara kannte diesen Blick.
Er bedeutete Rechnen.
Nicht Trauer.
Nicht Schock.
Rechnen.
Welche Erklärung blieb?
Welche Person musste zuerst angerufen werden?
Welches Papier konnte noch schützen?
Welche Lüge passte jetzt noch in den Raum?
Clara drückte erneut auf den Anhänger.
Eine andere Aufnahme begann.
Diesmal war es Eleanors Stimme.
Leiser.
Nächtlicher.
„Der Arzt darf sie nicht zu lange allein sprechen. Wenn sie klar bleibt, wird es schwieriger.“
Raymond antwortete: „Dann sorgen wir dafür, dass sie nicht klar wirkt.“
Dr. Monroe wurde kreidebleich.
Frau Torres sah auf die Verletzungen an Claras Armen.
Dann auf die Mappe.
Dann auf Eleanor.
„Wer hat diese Einweisung vorbereitet?“, fragte sie.
Eleanor antwortete nicht.
Raymond sagte: „Unsere Anwälte kümmern sich um alles.“
„Das war keine Antwort“, sagte Frau Torres.
Klartext.
Der Raum veränderte sich.
Vor wenigen Minuten hatte Clara allein im Bett gelegen, während Erwachsene über sie sprachen, als wäre sie ein Problem, das man verwalten musste.
Jetzt lag sie immer noch im Bett.
Sie war immer noch verletzt.
Sie war immer noch siebzehn.
Aber die Richtung der Angst hatte gewechselt.
Eleanor spürte es.
Raymond spürte es.
Sogar die Pflegerin im Flur spürte es.
Der Anhänger spielte weiter.
Eine Tür im Hintergrund.
Schritte.
Dann Raymond, rauer als sonst.
„Sie hat zu viel von ihrem Vater. Dieses ständige Fragen.“
Eleanor antwortete: „Ihr Vater hat auch zu viel gefragt.“
Claras Hand krampfte um die Bettdecke.
Die Worte trafen tiefer als ihre Rippen.
Frau Torres hob den Kopf.
„Spielen Sie das noch einmal.“
Clara tat es.
Ihr Vater hat auch zu viel gefragt.
Eleanor schloss die Augen.
Nur für eine Sekunde.
Raymond flüsterte: „Eleanor.“
Da war sie wieder.
Die echte Beziehung.
Nicht die gepflegte Ehe, die sie später gezeigt hatten.
Etwas Älteres.
Etwas, das vor dem Tod ihres Vaters begonnen hatte.
Clara spürte, wie sich in ihr ein Gedanke zusammensetzte, den sie drei Jahre lang nicht hatte aussprechen dürfen.
Ihr Vater war nicht einfach gestorben.
Er war im Weg gewesen.
Frau Torres griff nun nach dem Anhänger.
„Darf ich?“
Clara hielt ihn einen Moment fest.
Nicht aus Misstrauen.
Aus Angst, das Einzige loszulassen, was ihr Vater ihr noch gegeben hatte.
Dann nickte sie.
Die Polizistin nahm ihn vorsichtig, als wäre er kein Schmuck, sondern eine Aussage.
„Wir sichern das“, sagte sie.
Raymond machte einen Schritt nach vorn.
Der zweite Polizist blockierte ihn sofort.
„Zurück.“
Raymonds Gesicht verzog sich.
Nicht mehr charmant.
Nicht mehr väterlich.
Nur noch wütend.
„Sie wissen nicht, was dieses Kind getan hat“, sagte er.
Clara sah ihn an.
„Ich weiß, was du getan hast.“
Es war das erste Mal, dass sie an diesem Tag laut genug sprach, dass alle sie hörten.
Eleanor drehte sich zu ihr.
„Clara, überleg dir sehr genau, was du jetzt sagst.“
Da lächelte Clara nicht.
Sie hatte keine Kraft dafür.
Aber sie hielt dem Blick ihrer Mutter stand.
„Das habe ich drei Jahre lang getan.“
Die Stille danach war nicht leer.
Sie war voll.
Voll von Atemzügen, die zu spät kamen.
Voll von Papier, das plötzlich nichts mehr wert war.
Voll von einem Lachen, das im Badezimmer begonnen hatte und nun gegen seinen Besitzer zurückrollte.
Dr. Monroe zog die Mappe vom Bett und legte sie auf den Tisch am Fenster.
„Bis das geklärt ist, wird hier niemand gegen ihren Willen verlegt“, sagte er.
Eleanor fuhr herum.
„Das können Sie nicht entscheiden.“
„Doch“, sagte er. „Für diese Patientin in diesem Zimmer kann ich medizinisch sehr wohl Klartext reden.“
Frau Torres sprach leise in ihr Funkgerät.
Sie nannte keine großen Worte.
Sie sagte nur, dass Beweismaterial vorliege, dass eine Minderjährige geschützt werden müsse und dass die geplante Verlegung sofort zu stoppen sei.
Sofort.
Dieses Wort traf Eleanor sichtbar.
Weil es ihren Zeitplan zerstörte.
Weil es die zwei Stunden zerschnitt, auf die sie gebaut hatte.
Weil Ordnung plötzlich nicht mehr ihr Werkzeug war.
Clara lehnte den Kopf zurück.
Der Schmerz kam wieder stärker, jetzt, da die erste Welle Adrenalin nachließ.
Aber unter dem Schmerz war etwas anderes.
Nicht Erleichterung.
Dafür war es zu früh.
Eher ein kleiner, harter Punkt in der Brust.
Ein Anfang.
Frau Torres stellte noch eine Frage.
„Clara, Sie sagten, der Anhänger enthält auch Aufnahmen über Ihren Vater?“
Clara öffnete die Augen.
Eleanor wurde völlig still.
Raymonds Gesicht verlor die letzte Farbe.
Da wusste Clara, dass der schlimmste Teil nicht hinter ihr lag.
Er stand erst vor der Tür.
Sie nickte langsam.
„Ich glaube ja.“
Der Anhänger lag nun in der behandschuhten Hand der Polizistin.
Das kleine Licht darin pulsierte weiter.
Frau Torres wählte eine Datei aus.
Auf dem Display erschien kein langer Titel.
Nur ein Datum.
Drei Jahre alt.
Der Tag vor dem Tod ihres Vaters.
Clara hörte, wie Eleanor Luft holte.
Nicht wie eine trauernde Mutter.
Wie jemand, der eine Tür zufallen hört.
Dann begann die Aufnahme.
Zuerst war da nur Rauschen.
Dann eine Männerstimme.
Nicht Raymond.
Nicht Dr. Monroe.
Ihr Vater.
Müde, aber ruhig.
„Clara, wenn du das hörst, dann haben sie Plan B umgesetzt.“
Clara presste die Lippen zusammen.
Frau Torres bewegte sich nicht.
Raymond flüsterte etwas, das niemand verstand.
Und dann sagte ihr Vater den Satz, der das ganze Zimmer veränderte.
„Raymond ist nicht der Gefährlichste von beiden.“