Khloe Jensen erfährt die Wahrheit über ihren Vater – doch jemand ist noch in Gefahr-hangle09

Noch bevor Khloe Jensen Arthur Costello antworten konnte, wurde aus der Frage nach ihrem Vater eine neue Gefahr für einen Menschen, dessen Namen sie noch nicht kannte. Arthur hatte den Blick nicht von ihr genommen. Hinter ihm lagen zerbrochenes Glas, umgestürzte Stühle und drei Männer, die gekommen waren, um ihn zu töten.

Khloe spürte das Blut an ihrem Unterarm.

Arthur hielt ihr weiterhin den Gegenstand hin, den er aus der Jacke eines der Angreifer genommen hatte.

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„Nimm ihn“, sagte er.

Khloe nahm ihn.

Es war ein kleiner, abgenutzter Schlüssel.

Kein Schmuckstück.

Kein spektakulärer Beweis.

Nur ein Schlüssel an einem schlichten Metallring, dazu ein winziger Anhänger mit einer eingeprägten Zahl: 17.

Khloe drehte ihn zwischen den Fingern.

„Was soll das sein?“

Arthur sah kurz zu den Männern am Boden.

„Etwas, das dein Vater vor seinem Tod bei sich hatte.“

Khloe hob den Kopf.

„Woher wissen Sie das?“

Arthur antwortete nicht sofort.

Zum ersten Mal seit drei Jahren wirkte er nicht wie der Mann, der in einem Restaurant jeden Raum kontrollieren konnte.

Er wirkte wie jemand, der wusste, dass eine Wahrheit zu spät kommen konnte.

„Weil ich ihn gesehen habe“, sagte er schließlich.

Khloe machte einen Schritt auf ihn zu.

„Sie haben meinen Vater gesehen?“

„Ja.“

„Vor seinem Tod?“

Arthur nickte.

„Wenige Stunden davor.“

Diese Antwort traf sie härter als alles, was während des Angriffs passiert war.

Robert Jensen war in ihrer Erinnerung ein Mann aus einer Küche, aus einem alten Stuhl, aus zwei Händen, die ihr gezeigt hatten, wie man Holz wieder zusammenfügt.

Für die Polizei war er ein Unfallopfer gewesen.

Für Khloe war er seit Jahren der Grund, warum sie zurückgekommen war.

Und für Arthur war er offenbar mehr gewesen als ein Name in einer Akte.

„Warum haben Sie nie etwas gesagt?“

Arthur sah sie an.

„Weil ich nicht wusste, wem ich vertrauen konnte.“

Khloe lachte kurz.

Nicht, weil etwas lustig gewesen wäre.

„Sie erwarten, dass ich Ihnen das glaube?“

„Nein.“

Arthur zeigte auf den Schlüssel in ihrer Hand.

„Ich erwarte, dass du dir ansiehst, was er öffnet.“

Das war der Moment, in dem Khloe begriff, dass der Angriff im Restaurant nicht das Ende ihrer Suche war.

Er war der Grund gewesen, warum Arthur endlich gesprochen hatte.

Sie sah auf den Schlüssel.

Die Zahl 17 war kaum noch zu erkennen.

Und trotzdem kam sie ihr bekannt vor.

Nicht als Zahl aus ihrer Kindheit.

Als Datum.

Khloe rechnete nach.

Der siebzehnte Tag des Monats, in dem ihr Vater starb.

Sie hatte dieses Datum seit Jahren nicht mehr laut ausgesprochen.

Arthur bemerkte ihre Reaktion.

„Du erinnerst dich.“

„An den Tag.“

„Dann weißt du auch, dass dein Vater nicht einfach zur Arbeit gegangen ist.“

Khloe erstarrte.

„Was meinen Sie damit?“

Arthur griff in seine Jackentasche und zog nichts weiter heraus.

Er hatte offenbar bewusst nur den Schlüssel genommen.

„Robert kam an diesem Tag zu mir.“

Khloe hielt den Schlüssel fester.

„Warum?“

„Er wollte etwas loswerden.“

„Was?“

Arthur sah zu dem kleinen Metallring.

„Eine Information.“

Khloe wartete.

Arthur sagte es erst nach einigen Sekunden.

„Er hatte herausgefunden, dass jemand in meinem Umfeld Informationen an die falschen Leute weitergab.“

Khloe verstand sofort, was diese Formulierung bedeutete.

„Und mein Vater wollte Ihnen das sagen?“

„Er wollte mir sagen, wem ich nicht mehr vertrauen durfte.“

„Und dann wurde er unter einem Container zerquetscht.“

Arthur nickte.

„Ja.“

„Sie sagen also, jemand hat ihn beseitigt, weil er zu viel wusste.“

„Ich sage, dass dein Vater nicht sterben sollte.“

Khloe erinnerte sich an seine Worte aus wenigen Minuten zuvor.

Nicht sollte.

Nicht musste.

Nicht wurde getötet.

Sollte nicht sterben.

Diese kleine Veränderung war ihr jetzt wichtig.

„Was ist passiert?“

Arthur sah auf seine beiden ausgeschalteten Beschützer.

„Er hat mir etwas gegeben.“

Khloe wartete.

„Dann ging er.“

„Und Sie haben ihn gehen lassen?“

Arthur schwieg.

„Sie hätten ihn schützen können.“

„Das dachte ich auch.“

„Und?“

Arthur sah sie direkt an.

„Ich habe mich geirrt.“

Das war vielleicht die erste Antwort an diesem Abend, die Khloe nicht erwartet hatte.

Arthur Costello gab Fehler normalerweise nicht zu.

Zumindest nicht vor ihr.

Vielleicht nicht vor irgendjemandem.

Doch bevor Khloe weiterfragen konnte, hörte sie hinter sich ein Geräusch.

Leo bewegte sich.

Khloe drehte sich um.

Der jüngere Beschützer saß halb aufgerichtet neben einem umgestürzten Stuhl und hielt sich den Kopf.

Frank stand bereits wieder.

Beide waren verletzt, aber ansprechbar.

Arthur ging zu ihnen.

Khloe blieb stehen.

Sie erwartete Befehle.

Stattdessen sagte Arthur nur: „Ihr beide bleibt hier.“

Leo sah zu Khloe.

Sein Blick blieb an ihrem zerrissenen Schürzenstoff hängen.

Dann am Schlüssel.

„Woher hast du den?“

Khloe antwortete nicht.

Arthur tat es.

„Von einem der Männer.“

Leo wurde sofort aufmerksam.

„Der Schlüssel?“

Arthur nickte.

„Er gehört zu dem, was Robert hinterlassen hat.“

Leo sagte nichts mehr.

Aber Khloe bemerkte etwas.

Er kannte die Bedeutung des Schlüssels offenbar nicht.

Er kannte nur die Geschichte.

Oder einen Teil davon.

Khloe wandte sich wieder Arthur zu.

„Was öffnet Nummer 17?“

Arthur sah sie lange an.

„Das weiß ich nicht.“

Khloe hob eine Augenbraue.

„Sie haben ihn meinem Vater zugeordnet und wissen nicht, was er öffnet?“

„Ich kenne den Schlüssel. Ich kenne die Zahl. Aber nicht den Ort.“

„Dann warum haben Sie ihn?“

Arthur antwortete leise.

„Weil Robert wollte, dass ich ihn erst dann weitergebe, wenn du auftauchst.“

Khloe spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Er hat meinen Namen genannt?“

„Nicht deinen Namen.“

„Was dann?“

Arthur sah auf ihre Hände.

„Er sagte, ich würde erkennen, wem ich den Schlüssel geben muss.“

Khloe erinnerte sich an die drei Jahre im Restaurant.

Jeden Dienstag.

20:05 Uhr.

Osso buco.

Espresso.

22 Prozent Trinkgeld.

Keine Petersilie.

Arthur hatte geglaubt, sie sei nur die Kellnerin, die seinen Tisch bediente.

Vielleicht war genau das der Grund gewesen, warum ihr Vater sie indirekt geschützt hatte.

Sie war unter Arthurs Augen geblieben, ohne dass er wusste, wer sie war.

Und sie hatte dasselbe mit ihm getan.

„Warum haben Sie mich nicht erkannt?“

Arthur sah sie an.

„Weil ich Robert nie mit einer erwachsenen Tochter verbunden habe, die eines Tages in meinem Restaurant stehen würde.“

„Sie haben meinen Vater also gekannt.“

„Ja.“

„Und trotzdem dachte ich drei Jahre lang, Sie hätten ihn töten lassen.“

Arthur ließ diese Worte stehen.

Er widersprach nicht.

Er erklärte sich nicht.

Das machte Khloe wütender als eine Lüge.

„Was genau haben Sie damals getan?“

Arthur antwortete erst nach einem langen Atemzug.

„Ich habe jemanden beauftragt, Robert aus einer Situation herauszuhalten, die gefährlich geworden war.“

„Wen?“

„Das spielt jetzt keine Rolle.“

„Für mich schon.“

„Khloe.“

„Sagen Sie meinen Namen nicht so.“

Arthur verstummte.

Khloe hielt den Schlüssel zwischen ihnen.

„Sie wollten, dass ich Ihnen glaube. Dann geben Sie mir einen Grund.“

Arthur sah auf den Schlüssel.

„Dein Vater hatte einen Verdacht.“

„Welchen?“

„Dass jemand Informationen über ihn und über mich weitergab.“

„An wen?“

„Das wusste er nicht sicher.“

„Und heute?“

Arthur sah zu der Tür des Restaurants.

„Heute weiß ich, dass dieser Mann noch lebt.“

Khloe sagte nichts.

Arthur fuhr fort.

„Und ich weiß, dass er wusste, dass du irgendwann nach Antworten suchen würdest.“

Damit änderte sich die Frage.

Es ging nicht mehr nur darum, wer Robert Jensen getötet hatte.

Es ging darum, wer seit Jahren gewusst hatte, dass Khloe nach der Wahrheit suchen würde.

Sie sah zum Schlüssel.

Die Zahl 17 war plötzlich kein Erinnerungsstück mehr.

Sie war eine Aufgabe.

Arthur ging zu einem der gefallenen Männer zurück und blieb neben ihm stehen.

„Sie sind nicht wegen mir allein gekommen“, sagte er.

Khloe folgte seinem Blick.

„Woher wissen Sie das?“

„Weil sie wussten, wann ich hier bin.“

„Sie meinen, jemand hat meinen Plan gekannt?“

„Nein.“

Arthur sah sie an.

„Jemand hat meinen Plan gekannt.“

Khloe verstand.

Drei Jahre lang hatte Arthur jeden Dienstag dasselbe Restaurant besucht.

Die Uhrzeit war beinahe immer gleich gewesen.

20:05 Uhr.

Er hatte sich damit selbst berechenbar gemacht.

Doch heute waren die Männer um 20:47 Uhr gekommen.

Sie hatten gewartet.

Sie hatten nicht nach ihm suchen müssen.

Sie wussten, wo Tisch vier war.

„Jemand hat sie geschickt“, sagte Khloe.

„Ja.“

„Und dieser jemand kennt Ihre Gewohnheiten.“

„Ja.“

„Und er kennt Robert.“

Arthur antwortete nicht.

Khloe sah ihn an.

„Und vielleicht kennt er mich.“

Arthur nickte.

„Das ist der Teil, der mir Sorgen macht.“

Khloe blickte wieder auf den Schlüssel.

„Was soll ich jetzt tun?“

„Du entscheidest.“

„Zwischen was?“

Arthur zeigte auf die Tür.

„Du kannst gehen.“

Dann zeigte er auf den Schlüssel.

„Oder du findest heraus, warum dein Vater wollte, dass du ihn bekommst.“

Khloe dachte an die Küche ihres Vaters.

An den reparierten Stuhl.

An seine Hände.

Dinge aufbauen.

Nicht kaputtmachen.

Sie hatte drei Jahre lang geglaubt, dass Rache ihre Aufgabe war.

Jetzt lag vor ihr etwas Schwierigeres.

Eine Wahrheit, die vielleicht nicht zu dem Menschen führte, den sie bestrafen wollte.

„Ich gehe nicht“, sagte sie.

Arthur nickte nur.

„Das dachte ich mir.“

Khloe sah ihn scharf an.

„Verwechseln Sie das nicht mit Vertrauen.“

„Tue ich nicht.“

„Dann sagen Sie mir, wo wir anfangen.“

Arthur antwortete: „Bei Nummer 17.“

Sie hatten kaum einen Schritt gemacht, als sein Telefon vibrierte.

Arthur zog es aus der Tasche.

Er sah auf das Display.

Sein Gesicht veränderte sich.

Khloe bemerkte es sofort.

„Wer ist das?“

Arthur antwortete nicht.

Er nahm den Anruf nicht an.

Das Telefon vibrierte erneut.

Dann kam eine Nachricht.

Arthur las sie.

Khloe sah, wie seine Finger um das Gerät fester wurden.

„Was steht da?“

Arthur zeigte ihr das Display.

Die Nachricht war kurz.

„Du hast ihr den Schlüssel gegeben.“

Darunter stand nur ein zweiter Satz.

„Dann weiß sie jetzt, wo sie suchen muss.“

Khloe sah Arthur an.

„Wer weiß, dass ich ihn habe?“

Arthur steckte das Telefon ein.

„Das ist genau das Problem.“

„Dann müssen wir herausfinden, wer die Nachricht geschickt hat.“

Arthur schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Khloe verstand nicht.

„Warum nicht?“

„Weil die Nachricht nicht für mich bestimmt war.“

Er sah auf Khloes Hand.

„Sie war für denjenigen bestimmt, der jetzt weiß, dass du den Schlüssel hast.“

Khloe blickte auf den kleinen Metallring.

Zum ersten Mal kam ihr der Schlüssel nicht wie eine Antwort vor.

Sondern wie ein Signal.

Und irgendwo außerhalb dieses Restaurants hatte gerade jemand erfahren, dass Robert Jensens Tochter noch lebte, dass Arthur Costello mit ihr sprach und dass Nummer 17 nicht länger verborgen war.

Khloe steckte den Schlüssel ein.

„Dann gehen wir dorthin.“

Arthur sah sie an.

„Nicht heute Nacht.“

„Warum?“

„Weil wir nicht wissen, wer uns beobachtet.“

Khloe wollte widersprechen.

Dann sah sie durch das Fenster.

Auf der anderen Straßenseite stand ein Wagen.

Kein auffälliges Fahrzeug.

Keine Person stieg aus.

Aber im Inneren brannte kurz ein Display auf.

Dann war es wieder dunkel.

Khloe sagte nichts.

Arthur bemerkte ihren Blick.

„Jetzt verstehst du es.“

„Jemand wartet.“

„Ja.“

„Auf uns?“

„Auf deine nächste Entscheidung.“

Khloe sah auf den Schlüssel in ihrer Hand.

Drei Jahre lang hatte sie geglaubt, sie hätte Arthur beobachtet.

Jetzt wusste sie, dass vielleicht jemand anderes sie beide beobachtet hatte.

Und während Frank die Tür sicherte und Leo langsam wieder auf die Beine kam, wurde Khloe klar, dass ihr Vater ihr nicht einfach einen Schlüssel hinterlassen hatte.

Er hatte ihr eine Grenze hinterlassen.

Auf der einen Seite stand die Geschichte, die sie seit Jahren glaubte.

Auf der anderen Seite stand die Wahrheit.

Dazwischen lag Nummer 17.

Khloe schloss die Hand um den Schlüssel.

Diesmal wollte sie nicht für Arthur entscheiden.

Und auch nicht für ihren Vater.

Sie würde selbst herausfinden, was Robert Jensen damals schützen wollte.

Doch bevor sie das Restaurant verließen, vibrierte Arthurs Telefon ein drittes Mal.

Er las die neue Nachricht.

Dann sah er Khloe an.

„Wir haben ein Problem.“

„Welches?“

Arthur zeigte ihr das Display.

Diesmal stand dort kein Name.

Nur eine Adresse.

Und darunter vier Worte:

„Sie kennt die Nummer bereits.“

Khloe sah Arthur an.

Dann wusste sie, dass die nächste Suche nicht bei Nummer 17 beginnen würde.

Sie würde bei der Person beginnen, die längst wusste, dass der Schlüssel in ihrer Hand lag.

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